Mutter Sennur Sümer aus dem Freiamt macht sich Sorgen. Ihre 11-jährige Tochter hat sich an einem Kiosk in der Region eine elektrische Shisha gekauft, eine Art E-Zigarette, deren Nachfüllflüssigkeiten in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich sind, die aber keinen Tabak enthält.

«Ich verstehe nicht, wie ein Kiosk einem Kind so etwas verkaufen kann, vor allem, wenn noch aufgedruckt ist, dass es nur an Personen über 18 Jahre abgegeben werden darf», sagt die Migrationsfachfrau und Mediatorin mit türkischen Wurzeln. Und tatsächlich: Das Gesetz ist auf ihrer Seite, das haben Recherchen der AZ ergeben.

Weil E-Zigaretten, die keinen Tabak enthalten, nicht unter das Tabakproduktegesetz fallen, gehen viele fälschlicherweise davon aus, dass keine Altersbeschränkung gilt. Das ist jedoch falsch, wie der stellvertretende Kantonschemiker Claudius Gemperle vom Amt für Verbraucherschutz auf Anfrage bestätigt: «Wenn auf der Verpackung ein Hinweis aufgedruckt ist, dass das Produkt nur an Personen über 18 Jahre verkauft werden darf, macht sich ein Verkäufer eindeutig strafbar, wenn er es an Minderjährige verkauft.» Er verletze nicht nur seine Sorgfalts- und Selbstkontrollpflicht, sondern «handelt fahrlässig, weil er die Folgen für das Kind nicht abschätzen kann».

Sollte Sümer in einem solchen Fall also zur Polizei gehen? «Nein», erklärt der Chemiker, «da E-Zigaretten offiziell zu den Gebrauchsgegenständen gezählt werden, ist das Amt für Verbraucherschutz zuständig. Wir würden einen solchen Fall weiterverfolgen und gegebenenfalls Strafanzeige einreichen.»

Gesetz ist zu wenig bekannt

Sennur Sümer will den Kioskinhaber jedoch nicht anzeigen, darum sagt sie auch nicht, welcher Kiosk gemeint ist. «Mir ist wichtig, öffentlich auf das Problem aufmerksam zu machen», sagt sie.

Es zeigt sich, dass tatsächlich noch viel zu wenig Wissen über E-Zigaretten und E-Shishas vorhanden ist, sowohl in der Wissenschaft, wo Langzeitfolgen noch nicht abschätzbar sind, als auch bei Behörden.

Marco Veil, Chef der Regionalpolizei Wohlen, konnte beispielsweise keine Auskunft dazu geben, weil sie einen solchen Fall noch nie hatten.

Auch Sümer wusste nicht, ob es legal ist, eine solche E-Shisha an eine 11-Jährige zu verkaufen. Sie wollte mit dem Kioskbetreiber reden. «Die Verkäuferinnen waren verständnisvoll, doch der Besitzer hat mich angeschnauzt.» Also wandte sich die besorgte Mutter an Jugendschutz, Suchtberatung und Lungenliga. All diese Stellen hoffen, dass der Kanton E-Zigaretten endlich per Gesetz den Zigaretten gleichstellt (siehe Kasten unter Bild).

Auf Kinder ausgerichtet

Dass Kinder E-Shishas mögen, weiss Sümer von ihrem 14-jährigen Sohn: «Er sagt, dass viele seiner Freunde sie kaufen. Ihnen gefallen vor allem die vielen Geschmacksrichtungen von Melone bis Minze.» Das ist auch Stephanie Unternährer, Bereichsleiterin Gesundheitsförderung und Prävention der Lungenliga Aargau, bekannt: «Die Produkte zielen auch auf Kinder ab und werden angepriesen wie bessere Schleckstängel, das ist äusserst fragwürdig.»

Genauso klingt es seitens Suchtprävention: «Es ist wie beim alkoholfreien Alkohol: Dort ist es nicht verboten, ihn an Kinder zu verkaufen, in unseren Augen macht es aber keinen Sinn, Kinder an den Geschmack von Alkohol zu gewöhnen», sagt Bettina Pelosi, Mitarbeiterin der Suchtprävention Aargau. Beiden Stellen ist es sehr wichtig, dass Schulen klar Stellung beziehen: «Sie können Regeln aufstellen und tun das auch. Wir empfehlen grundsätzlich, dass nicht nur Tabakwaren, sondern auch E-Zigaretten und E-Shishas auf dem Schulgelände verboten sein sollten», fasst Unternährer zusammen.