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Dank viel Fronarbeit: Sarmenstorf ist jetzt auch ein Storchendorf

Die neuen Nester bestanden erst seit sechs Wochen – da wurden sie schon von Störchen in Beschlag genommen. Jetzt sind die Tiere auch schon am Brüten.

Andrea Weibel (Text und Fotos)
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Ein Storch im Landeanflug auf das Nest, in dem der andere brav brütet.

Ein Storch im Landeanflug auf das Nest, in dem der andere brav brütet.

Andrea Weibel

Das Dorf hat eine neue Attraktion: Auf der Wiese hinter dem Birkenhof in Sarmenstorf brütet neuerdings ein Storchenpaar – und wird von Spaziergängern fast den ganzen Tag lang bewundert.

Doch Sarmenstorf war doch bisher kein Storchendorf? Wie kam es jetzt so schnell zu einem brütenden Paar?

Diese Frage haben sich schon viele gestellt, Anja Probst vom Birkenhof kann ein Lied davon singen. Doch natürlich gibt sie gerne Auskunft, denn auch sie freut sich sehr über den Zuwachs auf oder zumindest neben dem Hof. Noch genauer weiss aber der Sarmenstorfer Marco Stettler Bescheid, denn von ihm stammt die Idee.

Natürlich an der Fasnacht

Zeitsprung: «Alle haben Storchennester, nur wir nicht», dachte sich Stettler, als er vor über einem Jahr wieder einmal mit dem Fahrrad von Sarmenstorf gegen den Hallwilersee zu fuhr. «Dabei sieht man hier auch immer wieder Störche, vor allem die ganz frechen, die direkt hinter den Traktoren her spazieren, wenn gemäht oder geackert wird. Das kann doch nicht sein.»

6 Wochen, ...

... nachdem die Nester aufgestellt wurden, zog bereits das erste Brutpaar ein. In Boniswil beispielsweise musste man acht Jahre auf den Einzug eines Paares warten, wie Marco Stettler sagt.

Im Dorf ist bekannt: Ist Stettler einmal von einer Idee gepackt, wird diese auch umgesetzt. Und tatsächlich begann er, «Locations» für etwaige Brutplätze zu suchen, wie er es nennt. «Da kam ich auf das Feld von Melligers beim Birkenhof. Dahinter, im ‹Moos›, gibt es nur noch Felder und den Wald, das wäre ideal.»

Und wie nicht selten in Sarmenstorf, begann die Idee in der Fünften Jahreszeit, konkrete Formen anzunehmen: «An der Fasnacht 2015, morgens um 2 Uhr, fragte ich Andreas ‹Jimmy› Melliger, den Jungbauern vom Hof, ob er sich das vorstellen könnte. Er sagte ja und dachte wohl, ich hätte das am Morgen sowieso wieder vergessen. Aber da hat er Pech gehabt», erinnert sich Stettler lachend.

Melligers Freundin Anja Probst erinnert sich auch lebhaft an die Situation: «Wir dachten, der mache Witze, wir hätten doch nicht gedacht, dass der da wirklich Storchennester auf die Wiese stellen will.» Doch schon im Dezember 2015 wurde es konkreter, und die Birkenhof-Bauernfamilie war schnell überzeugt.

Alles von Hand und fast gratis

«Wir wollten möglichst billig bauen und alles selber machen. Wir hätten auch Nester kaufen können, aber die sind ab 2000 Franken zu haben, und so viel Geld stand uns nicht zur Verfügung», berichtet Stettler. «Also habe ich ein Team zusammengestellt.» Stettler ist ein Allrounder und kennt überall Leute, die ihm bei seinen Projekten helfen. «Wir hatten zwei Mechaniker, zwei Gartenbauer, Willi Müller vom AEW und noch viele andere Helfer, die Maschinen zur Verfügung stellen konnten und tatkräftig mitarbeiteten.»

«Alle haben Storchennester, nur wir nicht. Das kann doch nicht sein.»
Marco Stettler Initiant

In tagelanger Fronarbeit wurden die Nester geflochten, die Unterböden aus Holz und Dachpappe gefertigt und alles auf die Stämme geschraubt. «Das Teuerste waren die grossen Schrauben, alles andere haben wir selber gebracht oder geschenkt bekommen», freut sich Stettler. So kosteten alle drei Nester zusammen – inklusive Aufbau – rund 200 Franken, die der Vogelschutzverein Sarmenstorf unter Leitung von Stettlers Partnerin Regula Hurter
finanzierte.

Noch zwei Wochen Brutzeit

Am 5. März, einem Hudeltag mit Schneeregen, baute ein kleiner Trupp von Helfern die drei 80 bis 100 Kilo schweren Nester auf ihren acht Metern langen Stämmen auf. «Wir wussten, dieses Jahr schon Brutpaare zu erwarten, wäre utopisch», so Stettler. «Denn in Boniswil beispielsweise haben sie acht Jahre auf ein Paar gewartet.»

Doch Sarmenstorf scheint eine geheime Glücksreserve zu haben: «Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, als ich am 12. April einen Storch auf dem Nest sitzen sah», erinnert sich der Initiant lebhaft. Mittlerweile brütet tatsächlich ein Storchenpaar, und nach Stettlers Berechnungen sollten die Jungen etwa in zwei Wochen schlüpfen.

Eine weitere Entdeckung lieferte Storch Schweiz: «Sie konnten von Weitem mit einem Fernrohr die Nummer auf dem Ring des einen Storches erkennen. Es handelt sich um ein 2014 in Brittnau beringtes Tier. Sein Partner oder seine Partnerin trägt keinen Ring. Stettler und seine Helfer – wie scheinbar das ganze Dorf – sind glücklich. «Nur mit Drohnen sollte man nicht zum Nest fliegen», ist ihm noch wichtig zu mahnen.

Ein Storch im Landeanflug auf das Nest, in dem der andere brav brütet.

Ein Storch im Landeanflug auf das Nest, in dem der andere brav brütet.

Andrea Weibel

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