Musical
Dank dieser Frau tanzt Mary Poppins nicht nackt

Sina Rieder kümmert sich als Ankleiderin in der «Wardrobe Village» um die Kostüme der zauberhaften Nanny und ihrer Gefolgschaft.

Nora Güdemann
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Sina Rieder hat eine Vorliebe für auffällige und historische Kostüme.

Sina Rieder hat eine Vorliebe für auffällige und historische Kostüme.

Nora Güdemann

Sina Rieder aus Hägglingen arbeitet in einer Garderobe im Theater 11 in Zürich. Doch sie hängt nicht die Mäntel der Besucher auf. Sie ist hinter den Kulissen tätig. Momentan gastiert das Musical des Klassikers «Mary Poppins» in Zürich, und Rieder sorgt dafür, dass die Schauspieler die richtigen Kostüme tragen, und hilft ihnen, meist unter enormem Zeitdruck, sich umzuziehen.

Ihr Reich ist hinter der Bühne, in der «Wardrobe Village»: In diesem Nebenraum stehen Kleiderständer und Garderoben, Spiegel und Regale mit Requisiten, Perücken und Zylindern. Es ist eine eindrückliche Welt, in welche die 26-Jährige fast jeden Abend eintaucht.

Vor Showbeginn erklärt sie der «Schweiz am Sonntag», was ihr am Theater am meisten gefällt, wie anstrengend ihr Beruf manchmal ist und wieso sie ihn trotzdem liebt.

Dankbarkeit statt Starallüren

Rieders Tag beginnt dann, wenn die meisten anderen Feierabend haben. Sie kleidet sich komplett in Schwarz, damit sie in Nähe der Bühne nicht auffällt. Zudem trägt sie eine Stirnlampe, da in der Garderobe während der Vorstellung nur ein einziges Licht brennt. Mit sich trägt sie immer einen Plan, auf welchem steht, welcher Schauspieler wann und wie schnell sein Kostüm wechseln muss. Rieder orientiert sich bei «Mary Poppins» an den Liedern: «Am Anfang ist man ziemlich gestresst, starrt immer auf den Plan und hofft, nichts falsch zu machen.» Die Ankleiderin ist für vier Schauspieler zuständig, plant voraus und legt die Kleider zurecht. «Bei einem Quickchange, also einem Schnell-Umzug, muss sich der Schauspieler in 30 Sekunden umziehen. Das geht nicht ohne Hilfe.»

Während der gesamten Vorstellung ist sie immer im Einsatz, nicht mal in der Pause sei Zeit, kurz durchzuschnaufen. «Aber die Atmosphäre ist super», erzählt sie. «Man findet schnell einen Draht zu den Schauspielern, baut eine Beziehung auf. Das erleichtert die Arbeit.» Starallüren würden die wenigsten zeigen, alle seien sehr aufgestellt und dankbar. Die Aufführung hat Sina Rieder noch nicht gesehen und wird sie wahrscheinlich auch nie sehen. «Ich bin zwar bei jeder Vorstellung dabei, nur Zeit zum Mitschauen bleibt leider nicht.» Einen kurzen Blick auf die Bühne, auf welcher gerade geprobt wird, wirft sie trotzdem: Ein Schauspieler tanzt, aufgehängt an Seilen, an der Decke. «Ich würde gerne sehen, welche Leistungen die Schauspieler auf der Bühne zeigen, da ich sie ja immer nur privat kennen lerne.»

Zurück in den Aargau

Die englische Schauspieltruppe bleibt noch bis zum 19. März in Zürich, danach gehts weiter nach Dubai. Rieder wohnt momentan in einem Zimmer in Oerlikon: «Nach Vorstellungsschluss gibt es keine öV-Verbindungen mehr zurück nach Hägglingen.» Familie und Freunde besuche sie montags, dann hat sie frei. Die gelernte Damenschneiderin weiss noch nicht, wo sie nach dem 19. März arbeiten wird. «Ich bin Freelancerin und nebenbei noch in der Kostümabteilung des SRF tätig.» Lücken in der Jahresplanung kommen häufiger vor, aber daran gewöhne man sich, sagt Rieder: «Wenn man einmal im Theater Fuss gefasst hat, findet man immer neue Projekte, bei denen man arbeiten kann.» Die 26-Jährige half unter anderem im Opernhaus und bei den Musicals «Mamma Mia» und «Thriller» mit.

Intensiv mit viel Abwechslung

Sina Rieder liess sich an der Modeco zur Theater- und Kostümschneiderin weiterbilden und absolvierte den Vorkurs der Basler Schule für Gestaltung. Schon immer hatte sie eine Vorliebe für Stoffe, Kostüme und Kleider. Das Theater gibt ihr die Möglichkeit, sich kreativ zu betätigen. «Natürlich könnte ich auch in einem Atelier arbeiten, aber ich liebe intensive Projekte, die viel Abwechslung bieten.» Ein Problem sei vor allem die Konkurrenz aus dem Ausland: «Auch Haute-Couture-Mode wird nicht mehr oder nur selten in der Schweiz hergestellt. Beim Theater schätzt man deine Arbeit noch.»

Kürzlich kam sie von einer Reise durch Südostasien und Amerika zurück. In Zukunft würde sie gerne wieder im Aargau leben, aber irgendwo, wo man auch nachts noch mit dem Zug nach Hause kommt. «Ein bisschen vermisse ich Hägglingen schon. Vor allem jetzt, da Fasnacht ist.»

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