Wohlen
Dank «2 mal Weihnachten» erhalten viele Kinder doch ein Päckli

Von wegen Weihnachten ist nur einmal im Jahr. Ein Besuch bei der Aktion «2 mal Weihnachten», die bedürftigen Kindern und Erwachsenen den Wunsch nach einem Geschenk erfüllt und auch elementare Bedürfnisse stillt.

Malte Aeberli
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Spielsachen, die keiner mehr braucht, kommen zu neuen, kleinen Besitzern.
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So kommen die gespendeten Sachen zu neuen Besitzern.
Die freiwilligen Helfer ackern sich durch die Kartonschachteln und verteilen acht Tonnen Spenden innerhalb einer Woche gerecht auf die Regionen.

Spielsachen, die keiner mehr braucht, kommen zu neuen, kleinen Besitzern.

Malte Aeberli

Es ist ganz schön frisch in der Bleichi in Wohlen. Dennoch wird einem sofort warm ums Herz. Denn hier geschieht Wunderbares. Silvia Haage und ihre freiwilligen Helfer verpacken mitten im Februar erneut Weihnachtsgeschenke. «Es sieht zwar nicht weihnachtlich aus, aber es fühlt sich auf jeden Fall so an», sagt Haage, Leiterin der Regionalstelle Freiamt vom Roten Kreuz Aargau. Von vielen sozialen Institutionen im Kanton Aargau seien Wunschzettel eingetroffen. Meistens gehe es um existenzielle Dinge. Grundnahrungsmittel zum Beispiel.

Die Wunschzettel kommen mit Angaben in Kilo aber eher wie Bestelllisten daher. «Man sieht den Zetteln schon an, ob sorgfältig abgewägt wurde oder wo man einfach unüberlegt die Maximalmenge angegeben hat», sagt Michael Vock, freiwilliger Helfer und Leiter der Credit-Suisse-Filiale in Wohlen. «Dementsprechend schaue ich, dass auch für die Kleinen immer etwas Passendes dabei ist», ergänzt er.

An den Wänden sind Teigwaren, Reis, Zucker oder Hygieneartikel auf grossen Paletten aufgestapelt. Sieben Tonnen sind aus der Zentrale in Bern gekommen; drei Tonnen zu wenig für die Bedürfnisse der sozialen Institutionen. «Das tut weh», sagt Haage. Aber mit einer grosszügigen Spende von Coop konnte man eine zusätzliche Tonne Nahrungsmittel beschaffen.

Eine Frage der Wertschätzung

Natürlich sind auch «richtige» Geschenke dabei: Schokolade, weitere Zuckerbomben und für die Kinder besonders spannend: Spielzeug. Von der Barbie über Brettspiele bis hin zu Bauklötzen findet sich fast alles. Leider sei es schon so, dass einige Leute versuchen würden, ihre kaputten Spielsachen an die Armen weiterzugeben.

«Das kaputte Zeug werfe ich rigoros weg», sagt Haage. Wenn die ärmeren Kinder schon Spielsachen geschenkt bekämen, dann solle es wenigstens funktionieren, findet sie. Die Kleinen danken es ihr mit Briefen und Zeichnungen. «Jedes Jahr bekomme ich viel Post », ergänzt Silvia Haage. Die Erwachsenen würden sich eher still über den Zustupf vom Roten Kreuz freuen: Über Jahre sei sie mitgefahren, wenn die freiwilligen Fahrer der sieben Rollstuhlfahrzeuge die Geschenke verteilten. «Die Leute genieren sich oft, dass sie auf Spenden vom Roten Kreuz angewiesen sind.» Deshalb verzichte sie in diesem Jahr darauf, mitzufahren. Schliesslich wolle sie Freude und keine unguten Gefühle verteilen.

Die Spender selbst seien bunt durchmischt: Leute, die alles herzig verpacken und selbst gebackene Guetzli dazulegen würden, gebe es sehr oft. «Unglücklicherweise können wir die selbst gemachten Sachen oft nicht weitergeben», sagt Silvia Haage. Schliesslich müssten alle Waren mehr als sechs Monate haltbar sein. Natürlich gebe es aber auch jene, die nur ihr altes Zeug entsorgt haben wollten.

Die sieben Helfer wuseln derweil eifrig durch den Raum und packen Schokolade zu Reis, Tütensuppen zu Toilettenpapier und das Brettspiel zu den Farbstiften, sodass am Ende möglichst alle das bekommen, was sie brauchen: ein Zeichen der Nächstenliebe.

Aus den Augen aus dem Sinn

Obwohl sie es eigentlich wisse, erschrecke sie jedes Jahr wieder, wie oft den Menschen auch in der reichen Schweiz das Wichtigste fehle, sagt Silvia Haage. «Die Armut ist in der Schweiz kaum sichtbar.» In armen Ländern sehe man die Armut bereits von weitem an der Kleidung. «Hier bei uns ist Armut etwas viel Anonymeres – Unsichtbares.»

Wenn sie den Menschen von der Aktion «2 x Weihnachten» erzähle, würden viele geschockt und erfreut zugleich reagieren. «Man ist sich gar nicht bewusst, dass vielen nach Abzug der Miete und Bezahlung der Krankenkasse kaum noch etwas zum Leben bleibt.» Andererseits bewundern viele die Aktion und spendeten.

Auch die kurzfristig eingesprungene Sümeyye Taskirah findet: «Es ist schon krass, wie viele Menschen auf die grundlegenden Sachen wie Toilettenpapier oder Teigwaren angewiesen sind.» Die 21-Jährige nimmt zum ersten Mal an der Aktion teil und findet es interessant, zu sehen, dass auch aus den reichsten Gegenden des Kantons Wunschzettel gekommen seien.

Hilfe von unerwarteter Seite

Sie wollte schon letztes Jahr mitmachen. Aber in der CS-Filiale in Aarau hätten damals schon zwei Leute einen freiwilligen Einsatz geplant gehabt. Und auch in diesem Jahr wäre sie beinahe nicht dabei gewesen. «Die Kollegin, die sich eigentlich gemeldet hatte, wurde krank», sagt Taskirah. «Glück für mich», sagt sie mit einem Lächeln, «jetzt kann ich hier mithelfen.» Die Freude, den Ärmsten zu helfen, ist allgegenwertig. «Die Stimmung im Team ist jedes Jahr super», bestätigt denn auch Silvia Haage.

Viele von ihnen sind schon seit Jahren dabei. Die meisten sind Freiwillige vom Roten Kreuz. Vor fünf Jahren habe aber auch die Credit Suisse ihre Hilfe angeboten. So sagt Michael Vock von der CS in Wohlen: Als 2010 die Filiale eröffnete, sei für sie klar gewesen, dass sie etwas für die Leute in der Region tun wollten. «Anfänglich wollte Silvia Haage keine Banker hier haben», sagt Vock mit einem Augenzwinkern, «aber schon nach zwei Tagen, sagte sie, wir sollten im nächsten Jahr wiederkommen.» Nach fünf Jahren ist aus der Zweckgemeinschaft so etwas wie Freundschaft geworden. «Wir treffen uns auch unter dem Jahr manchmal zum Mittagessen», sagt Vock.

«Ich bin froh, dass ich die Leute von der CS hier habe», bestätigt Silvia Haage. Michael Vock sagt weiter: «Die CS liefert hier vor allem Muskelkraft.» Die Leute, die hier dabei seien, arbeiteten im Rahmen des Volunteering-Programms der Credit Suisse und würden sich freuen, auch mal körperlich etwas zu tun. «Diese Tage stimmen mich immer auch etwas nachdenklich», sagt Vock. So sei es denn auch wichtig, im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten mit kleinen Gesten die Ärmeren in der Gesellschaft zu unterstützen. «Wenn ich auf einem Wunschzettel lese, dass da ein 6-jähriges Mädchen neue Farbstifte braucht, durchwühlen wir auch mal alle Kisten, bis wir welche gefunden haben.»

Die zur Verfügung stehenden acht Tonnen werden innerhalb von vier Tagen verpackt und anschliessend an 44 verschiedene Institutionen verteilt. Sie fühle sich manchmal schon ein bisschen wie ein zweites Christkind. «Aber ohne die vielen freiwilligen Helfer wäre ich absolut aufgeschmissen», sagt Silvia Haage, «sie sind meine Engel.»

Sie hoffe, dass in Zukunft noch mehr Spenden für die Ärmsten in der Schweiz zusammenkämen. «Schliesslich hat jeder Mensch ein Stück Weihnacht verdient.»