Die ersten Jahre meines Lebens verbrachte ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Muri. Mein Vater verdiente den Lebensunterhalt als «Dorfmuser» und erledigte Reparaturarbeiten jeglicher Art für Leute aus der Umgebung. Seine Werkstatt war voll alter und defekter Gegenstände, deren Teile er vielleicht mal für eine Reparatur verwenden konnte. Er flickte Werkzeuge, Fahrräder, Haushaltsgeräte – einfach alles. Deshalb nannten ihn die Leute im Dorf «Gängeli».

1940, als ich sechs Jahre alt war, starb mein Vater. Kurz nach seiner Beerdigung mussten wir Kinder von zu Hause weg ins Kinderheim nach Hermetschwil. An diesen Tag erinnere ich mich. Ich sehe uns noch heute den Haldenweg in Muri entlang gehen. Vorne unsere Mutter mit dem kleinsten meiner Geschwister auf dem Arm. Wir hintereinander, der Mutter folgend. Es muss für sie unsagbar schwer gewesen sein, nach dem Tod ihres Mannes auch die Kinder weggeben zu müssen. Aber sie hätte uns nicht alleine durchbringen können.

Es war nicht schön im Heim

Das Kinderheim in Hermetschwil wurde damals von Ingenbohler Schwestern geführt. Oft gab es als Strafe mit dem Lineal «Tatzen» oder man musste sich auf den Tisch legen und erhielt mit einem «Stecken» Schläge. Die Schwestern waren sehr grob. Nein, wir hatten es dort nicht schön. Das Essen war zwar recht und im Schlafsaal, wo bis 15 Mädchen untergebracht waren, konnte ich auch mit meinen Schwestern zusammen sein. Zum Glück durfte unsere Mutter uns oft besuchen. Doch wenn sie wieder nach Hause ging, fiel uns der Abschied schwer und es flossen jedes Mal Tränen.

An den damaligen Schulunterricht denke ich nicht gerne. Wir mussten «Schüchläde» tragen, um nicht beim Banknachbarn abschreiben zu können. Diese waren aus Karton und wurden dem Schüler mit einem Band am Kopf befestigt. Wenn ein Kind im Unterricht Mühe hatte, erhielt es keine Unterstützung, sondern wurde sich selbst überlassen. So ist es auch mir ergangen. Auch im Heim wurden Kleider und Schuhe nachgetragen. Ich erinnere mich an ein Gestell mit einer Auswahl an verschieden grossen Schuhen. Wenn einem die Schuhe zu klein wurden, gab es von dort das nächstgrössere Paar.

Nach der Zeit im Kinderheim kamen meine Geschwister und ich zum Arbeiten auf Bauernhöfe oder ins Alterspflegeheim. Wir blieben jedoch alle in der Umgebung und konnten uns immer wieder sehen. Auch mit unserer Mutter blieben wir in Kontakt.

Schlimmstes Jahr meines Lebens

Mich verschlug es zu einem Bauern in der Nähe von Baar, wo ich den «Knecht» machen musste. Dies war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich wurde geschlagen und schikaniert. Mit kaputten Schuhen und «Chnödesöckli» musste ich arbeiten. Oft gar barfuss, denn ich erhielt nie Geld um Kleider, Schuhe oder Wäsche zu kaufen.

Meine Mutter war sehr traurig, als sie sah, wie schlecht es mir ging. Ich war nur noch Haut und Knochen und weinte viel. Dank meiner Schwester konnte ich von dort weg, denn sie informierte meinen Beistand, einen Pfarrer, der sich hätte um mich kümmern sollen, dies jedoch nicht getan hat. Ich würde nicht mehr leben, wenn ich noch länger auf jenem Bauernhof hätte bleiben müssen.

Im Bürgerheim

Mit 15 Jahren kam ich schliesslich ins Bürgerheim in Muri, das spätere Altersheim. Dort wohnte ich in einem Dreierzimmer und half in der Küche oder erledigte Reinigungsarbeiten. Zum ersten Mal seit dem Tod meines Vaters fühlte ich mich an einem Ort daheim. Die Baldegger-Schwestern, die das Heim leiteten, waren sehr gut und lieb, richtig mütterlich. Noch immer besuche ich sie hin und wieder im Kloster, wo sie heute leben.»

Fünf Rappen für eine Maus

Der Vater von Lilly Stöckli war lange Zeit als «Dorfmuser» in Muri unterwegs. Auf der Suche nach Mäusen lief er über die Felder, legte Gänge frei und platzierte darin Ringfallen. Damit er die Stellen später wieder fand, markierte er sie mit einem «Rüetli», das er in den Boden steckte. Vor einem Wetterumsturz war der Fangerfolg grösser. Ebenso in einem warmen und trockenen Frühling, wenn sich die Jungen besonders stark vermehrten. Johann Stöckli wurde von der Gemeinde bezahlt, musste aber die Schwänze der gefangenen Mäuse vorlegen. Für eine Feldmaus erhielt er fünf Rappen, für Schermäuse etwas mehr.

Auf Fassadenbild verewigt

Bei der alten Post an der Marktgasse in Muri betrachtet Lilly Stöckli das dortige Fassadenbild. Im Jahr 1939 wurde es vom bekannten Luzerner Maler Otto Landolt geschaffen. Darauf abgebildet finden sich die die damaligen Dorforiginale von Muri: Apotheker Emil Kopp, Briefträger Franz Küchler, Marie Staubli (besser bekannt unter dem Namen «Näpitätsch») und Dorfmuser Johann «Gängeli» Stöckli. Das kleine Mädchen ist Bethli Ammann, die Tochter von Dorfarzt Albert Ammann, dem damals das Postgebäude gehörte. «Der Mann rechts aussen, der in einer Hand einen Eisenring mit gefangenen Mäusen hält, ist mein Vater», sagt Lilly Stöckli und lächelt.