Mit einem Kamm frisiert der Coiffeurlehrling Wahid Amiri einen Puppenkopf. Konzentriert steckt er ihre Haare zu einer sogenannten «Banane» hoch und fixiert die Frisur mit Haarspray. Neben ihm liegt ein Vorlageheft, das die einzelnen Arbeitsschritte erklärt. Wahid ist nun im zweiten Lehrjahr im Coiffeursalon Villiger in Wohlen und übt für das Lehrlingsfrisieren in Wettingen. «Männerhaare schneidet er schon fast perfekt», sagt seine Ausbildnerin, Mirlanda Keqa. Sicher frisiert der Coiffeur in Ausbildung auch schon Frauenhaare. Wo er herkommt, wäre das aber unvorstellbar. Vor drei Jahren flüchtete der 18-Jährige aus Afghanistan in die Schweiz. In seinem Heimatland werden Männer von einem Barbier bedient. Frauen lassen sich die Haare nur in geschlossenen Salons von Coiffeusen schneiden. Zu Beginn der Lehre hatte Wahid noch Berührungsängste, wenn er einer Frau die Haare schneiden musste: «Jetzt geht es gut, aber am Anfang war es mir noch fremd», sagt er. Diese Ängste sind längst verschwunden. «Er kommt bei den Kunden sehr gut an. Ist er mal nicht hier, erkundigen sie sich nach ihm», sagt Keqa. Ein positives Beispiel für Integration.

Über die iranische Grenze

Wahid kommt aus dem afghanischen Grenzland zum Iran. Wegen des Krieges ist er vor drei Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern in den Iran geflüchtet, wo zwei seiner Schwestern noch heute wohnen. Gemeinsam mit seinen Eltern und zwei weiteren Geschwistern wollte er sich nach Europa durchschlagen. «Doch in den Bergen zwischen dem Iran und der Türkei wurde meine Familie von iranischen Soldaten erwischt. Ich konnte zusammen mit einem Freund fliehen», erzählt er traurig. «Manchmal frage ich mich, ob ich zu ihnen hätte zurückrennen sollen. Aber das hätte nichts genützt.» Seither haben weder er noch seine Verwandten je wieder von ihnen gehört.

Seine Hände frisieren emsig weiter. Nach einer Pause setzt auch seine Stimme wieder ein. «Ich bin sehr froh, dass ich es in die Schweiz geschafft habe.»

Vom Gärtner zum Coiffeur

Begonnen hatte Wahid in der Schweiz als Landschaftsgärtner, aber bald wurde ihm klar, dass er gerne einen anderen Beruf ausüben möchte. «Ich wollte bei meiner Arbeit Kontakt zu Menschen haben und so auch besser Deutsch lernen», erzählt er. So bewarb er sich zuerst als Dentalassistent und dann als Coiffeur. Trotz vieler Bewerbungen hat sich das Villiger-Team für Wahid entschieden. Dazu sagt Keqa: «Er ist lernfähig und arbeitet gerne. Da mussten wir es uns nicht zweimal überlegen.» Auch die Sprache versteht und spricht er schon gut. Als er in die Schweiz kam, besuchte er drei Monate lang einen Deutschkurs, nun ist er sogar dabei, Mundart zu lernen. «Wir sprechen absichtlich Schweizerdeutsch mit ihm, denn er muss auch unsere Kunden verstehen können», so Keqa.

Das einzige Problem war und ist das Gesetz. Denn Wahid weiss nicht, ob er in der Schweiz bleiben darf. Im Moment hat er den Ausländerausweis N, was bedeutet, dass er ein Asylgesuch gestellt hat und nun mitten im Asylverfahren steht. Sein Gesuch wurde bereits einmal abgelehnt, worauf er einen Anwalt aufsuchte, um den Entscheid anzufechten. Nun wartet er schon seit einem Jahr auf den Bescheid, ob er in der Schweiz bleiben kann oder nach Afghanistan zurückkehren muss. «Manchmal ist es schwer, so viel Geduld zu haben», sagt er. Wann er Bescheid erhält, weiss er nicht. «Es kann in zwei Monaten, aber auch erst in zwei Jahren sein.» So ist es für den Lehrling schwierig, seine Zukunft zu planen. Gerne würde er aus der Unterkunft in Suhr, wo er mit vielen anderen lebt, ausziehen. Das Villiger- Team hat sogar jemanden gefunden, der Wahid bei sich zu Hause aufnehmen würde, aber ohne den Bescheid darf er nicht umziehen. «Es wäre gut für ihn, damit er zur Ruhe kommen kann und mehr Privatsphäre hat», erläutert Mirlanda Keqa. Auch sonst wird er vom Betrieb tatkräftig unterstützt. Beispielsweise darf er jeden Mittwoch früher gehen, um die Hausaufgabenhilfe zu besuchen. «Manchmal ist es schwer für ihn. Er hat aber einen starken Willen und möchte in seinem Leben etwas erreichen.»

Rückkehr nach Afghanistan?

Nach Afghanistan zurückkehren, möchte Wahid auf keinen Fall. Sollte er wieder in sein Heimatland müssen, will Wahid auch dort weiter als Coiffeur arbeiten. Er ist besorgt, weil er dann vielleicht noch gar keine abgeschlossene Ausbildung hätte. «Trotzdem hast du in dem Beruf schon vieles gelernt, und Männerhaare kannst du ja schon sehr gut schneiden», ermuntert ihn seine Ausbildnerin. «Höchstens deiner eigenen Frau müsstest du die Haare schneiden.» Bei diesem Gedanken müssen beide lachen.