Prozess
Coiffeuse ist nicht schuld an verätzter Kopfhaut

Vor gut sechs Jahren erlitt eine Frau, die sich die Haare bleichen liess, schwere Verätzungen der Kopfhaut. Nun wurde die Coiffeuse freigesprochen: Der Bleichvorgang könne kein Grund für die Verletzung sein, befand das Bezirksgericht Bremgarten.

Jörg Baumann
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Unmöglich, dass diese Verätzungen beim Haareschneiden und -färben passiert sein sollen, befand auch das Gericht.

Unmöglich, dass diese Verätzungen beim Haareschneiden und -färben passiert sein sollen, befand auch das Gericht.

Keystone

Gerichtspräsident Lukas Trost sprach gestern Dienstag nach gut sechsstündiger Verhandlung eine Coiffeuse und ihre beiden Vorgesetzten vom Vorwurf frei, eine Kundin sei beim Haare- bleichen falsch behandelt worden. Die Staatsanwaltschaft hatte argumentiert, bei der Prozedur sei die Kopfhaut der Kundin schwer verletzt worden. Schuld daran sei das Personal. «Von irgendwo her kommen die Verletzungen an der Kopfhaut. Aber die Prozedur des Haarebleichens scheidet als Ursache aus», bemerkte Trost in der Urteilsbegründung.

Solche Verletzungen seien beim Bleichvorgang unbekannt. Im Salon sei ein bewährtes und völlig ungefährliches Mittel verwendet worden, das auch in einer allenfalls höheren Konzentration die Kopfhaut der Kundin nicht verätzen könne. «Es gibt Sachen im Leben, die man nicht aufklären kann – auch in diesem Fall nicht, der leider für die Kundin sehr unglücklich ausgegangen ist», meinte Trost.

Leidensweg mit vielen Operationen

Sechseinhalb Jahre brauchte die Justiz, um den Fall aufzuarbeiten, der für die junge Frau tragisch endete. Diese musste sieben Hautoperationen über sich ergehen lassen und leidet heute noch heute unter starken Kopfschmerzen. Nächstens will sie sich einer Haarverpflanzung unterziehen, damit sie die zurückgebliebene kahle Stelle am Schädel dauerhaft überdecken kann. Die Anwältin der Kundin verfocht die These, dass der Fehler im Salon passiert sei. Das Personal habe pflichtwidrig gehandelt und müsse bestraft werden.

Völlig unverständlich erschien es der Opferanwältin, dass eine Lehrtochter am Zubereiten des Bleichemittels beteiligt gewesen, «obwohl sie in der Berufsschule diesen Vorgang noch nicht durchgenommen hatte». Der Gerichtspräsident wies hingegen darauf hin, dass das Lehrgeschäft die Lehrtochter gut instruiert habe und ihr die Prozedur vertraut gewesen sei. Man könne beim Zusammenmischen des Bleichemittels gar nicht so viel falsch machen, dass beim Auftragen die Kopfhaut verätzt werden könne.

Infektion schon vorher?

Auch die Verteidiger der Beschuldigten konnten die Ursache der Verletzung nicht benennen. Denkbar sei aber, dass die Kundin schon vor dem Coiffeurbesuch eine Infektion aufgelesen habe. Nachdem sie beim Hausarzt fürs Erste behandelt worden war, sei sie nach Barcelona in die Ferien verreist. Beim Baden im Meer habe vermutlich das Salzwasser die Wunde am Kopf noch vergrössert. Zudem sei es möglich, dass in den Ferien «Bakterien dazugekommen sind», erklärte einer der Verteidiger. Laut den beigezogenen wissenschaftlichen Gutachten sei es aber ausgeschlossen, dass das Bleichemittel die Kopfhaut geschädigt habe.

Dem Gespött des Volkes ausgesetzt

Der damalige Inhaber des Coiffeursalons, der sich heute im Ruhestand befindet, und sein Sohn, zur Zeit des Vorfalls Geschäftsführer, beklagten, dass ihr Salon durch das Ereignis in Bremgarten schwer in Verruf geraten sei. Sie seien deswegen zum Gespött der Leute geworden. «Wir haben darauf viele Kunden verloren», bemerkten sie.

Gerichtspräsident Trost verwies nach dem Freispruch ihre happige Geldforderung – mit Zinsen mehr als 100000 Franken – auf den Zivilweg.