Jonen
Co Streiff: Die Saxofonistin, die nur Insider kennen

Die in Jonen lebende Co Streiff gilt als Schweizer Jazz-Pionierin. Jetzt bekommt sie den Kunstpreis des Kuratoriums Aargau.

Toni Widmer
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Die Jazzmusikerin Co Streiff mit ihrem Alt-Saxofon.

Die Jazzmusikerin Co Streiff mit ihrem Alt-Saxofon.

ZVG

Die Saxofonistin Co Streiff gehört zur musikalischen Elite der Schweizer Jazz-Szene und hat auch international einen grossen Namen. Das Aargauer Kuratorium zeichnet sie dieses Jahr mit dem Kunstpreis aus. Das ist die höchste Auszeichnung für künstlerischer Schaffen, die der Kanton vergibt. Co Streiff pflegt einen Musikstil (siehe Box am Ende des Artikels), dem nicht die Massen huldigen.

Im Freiamt ist sie deshalb nur Insidern wirklich bekannt. Eher noch bringt man hier den Namen Streiff in Verbindung mit dem Architekten Ernst Streiff. Er hat sich auch in unserer Region – unter anderem – mit der fachgerechten Sanierung verschiedener Sakralbauten (Kirche Jonen, Kapelle Jonental, Kloster Gnadenthal) einen Namen gemacht.

Ernst Streiff ist Co Streiffs Vater. Die kleine Cornelia, der schon als Kind alle Co sagten, ist im Alter von drei Jahren mit ihren Eltern in den Joner Weiler Obschlagen gezogen und dort aufgewachsen. «Wir waren eine der ersten Zürcher Familien, die im Kelleramt ‹eingewandert› sind. Gelegentlich haben wir das zu spüren bekommen, doch insgesamt fühlte ich mich geborgen», blickt sie zurück. In den fünf Obschlagen-Häusern hätten damals viele Kinder gewohnt: «Da lief immer etwas. So Bandenzeugs halt. Wir gegen die vom Litzi und umgekehrt.»

Bei Klosterschwestern gewohnt

In Bremgarten besuchte Co Streiff die Bezirksschule und in Aarau die Kanti. Die ersten Schritte in die Selbstständigkeit: «Es gab noch nicht so gute Busverbindungen wie heute und schon in der Bezirksschule musste ich mich über Mittag selber irgendwie verpflegen. In Aarau wohnte ich wochentags in einem Schülerheim. Es gab eines für Buben, eines für reformierte Schülerinnen und eines für katholische Mädchen. Ich wohnte bei zwei Klosterschwestern.»

Bei diesen hat sie nicht primär gebetet, sondern vor allem geübt. Sie spielte von klein auf Blockflöte und wechselte mit 15 Jahren auf die Querflöte. «Vorerst war ich in der Klassik zu Hause. In der Kantizeit begannen mich auch andere Musikstile zu interessieren.»

Sie hörte Pop, Rock und den Sixties-Sound. Fasziniert hat sie dann aber bald der Jazz und da vor allem der Free Jazz. «Die experimentelle Musik, die Möglichkeit, eine eigene musikalische Stimme zu entwickeln, eigene Musik erfinden und mit grosser Überzeugung so spielen zu können, dass sie beim Publikum rüberkommt, das hat mich fasziniert. Auch im Wissen darum, dass diese Art von Musik von gewissen Leuten als Zumutung empfunden wird.»

Nach der Kanti hat Co Streiff vorerst die Welt erkundet. Sie war in Dänemark und Schweden, in Israel und in Holland. Das Geld dafür hat sie sich auf der Sihlpost in Zürich erarbeitet oder als Strassenmusikern verdient. In Tel Aviv half sie in einer Jugendherberge und am Rande der Wüste Sinai bei archäologischen Grabungen.

Zwei Monate schuftete sie bei einem Bergbauern und auch in der psychiatrischen Klinik Königsfelden hat sie sich etwas dazuverdient. «Es ging nur so», sagt Co Streiff, «Meine Eltern waren konsequent. Sie finanzierten mir meine Ausbildung, aber nicht meine Reisen.»

Jazz-Exotin und -Pionierin

Gut durchgelüftet und um viele Erfahrungen reicher, begann die junge Frau ein Geografie- und Soziologiestudium, wechselte aber bald auf Psychologie, Soziologie und Ethnologie. «Ich war am Ausprobieren, so richtig befriedigt hat mich das alles nicht.» Die Erfüllung fand sie mehr und mehr in der Musik.

Co Streiff brachte sich im Selbststudium das Saxofonspielen bei, suchte Mitmusiker und stand – als erste Frau in der Szene – bald auf der Bühne. Der Erfolg bestärkte sie darin, ganz auf den Jazz zu setzen. «Ich organisierte selber Projekte und konnte nach und nach auch mit verschiedenen anderen Bands auftreten.» Co Streiffs Talent und vor allem ihre Konsequenz, mit der sie an sich arbeitete und ihr Können immer weiter entwickelte, blieben nicht verborgen. Wurde sie anfänglich als Exotin noch eher fast belächelt, erarbeitete sie sich rasch den Respekt der Szene.

Sie bekam ein Engagement beim legendären Vienna Art Orchestra und wurde von Irene Schweizer entdeckt. Die 76-jährige Schaffhauserin gilt als die beste Jazz-Pianistin in Europa und ist nach wie vor weltweit aktiv. «Ihr verdanke ich viel. Wir sind im Duo aufgetreten und haben zusammen viele grössere Projekte gemacht.» Schweizer/Streiff stehen bis heute regelmässig auf der Bühne.

Mit ihrer Musik hat Co Streiff nie das grosse Geld verdient, aber sie konnte sich über Wasser halten und vor allem war sie dabei sehr glücklich: «Mit 1000 Franken im Monat kommt man weit, wenn man bescheiden lebt. Zudem habe ich zeitweise über 250 Auftritt pro Jahr absolviert, da kommt man auch kaum zum Geldausgeben», blickt sie zurück.

Die Familie Streiff

Es kam die Familie. Erst Partner Tommy Meier, der als Saxofonist den gleichen Musikstil pflegt. Co und Tommy bildeten erst auf der Bühne regelmässig ein Paar und wurden es schliesslich auch privat, auf Dauer. 1998 kamen die Zwillinge Kaspar und Laura auf die Welt. Sie besuchen mittlerweile die Kanti Wohlen.

Eine Zäsur in ihrem Leben: «Ich habe viele Jahre die Freiheit gehabt und auch genossen, mich voll der Musik hingeben und für sie leben zu können. Jetzt war mein Engagement auch anderweitig gefordert. Ich musste mich neu orientieren. Von der Hand in den Mund zu leben wie bisher ging nicht mehr.»

Sie schaffte zusammen mit ihrem Partner auch das. Co Streiff und Tommy Meier geben Unterricht, bieten Work-Shops für Bands und weitere Dienstleistungen für Musikerinnen und Musiker an. Co Streiff arbeitet an der Zürcher Hochschule der Künste in einem kleinen Pensum als Dozentin für Musikimprovisation im Masterstudiengang Klinische Musiktherapie.

Zudem liess sie sich als Quereinsteigerin zur Primarlehrerin ausbilden und unterrichtet seit bald fünf Jahren an der Mittelstufe in Windisch. Ihre Leidenschaft begleitet sie auch da. Mit Schülerinnen und Schülern hat sie schon mehrere Musikprojekte erarbeitet. Momentan probt sie mit ihrer 5. Klasse für ein Chorprojekt, zusammen mit dem Musikdozenten Peter Baumann und Studierenden der Pädagogischen Hochschule der FHNW Windisch.

In Jonen wieder angekommen

Auch wenn sie musikalisch etwas zurückstecken musste, gefällt ihr das «neue» Leben: «Ich bin 30 Jahre lang auf der Bühne gestanden und habe für ein Nischenpublikum Musik gemacht. Als Lehrerin stehe ich jetzt mitten in der Gesellschaft und auch da will ich mich bewähren und beweisen. Es ist eine Herausforderung, die mir zusagt und die mich erfüllt.»

Seit 2004 lebt die Familie in Jonen, im mehrere Jahrhunderte alten Elternhaus von Co Streiff im Weiler Obschlagen. «Es war ein guter Entscheid, hierher zu ziehen. Etwas weniger Kultur als früher in Zürich, aber viel mehr Natur und Ruhe. Ich wollte, dass meine Kinder so aufwachsen, wie ich aufgewachsen bin.»

In Jonen ist sie nach ihrer langen musikalischen Tour durch viele Länder auf verschiedenen Kontinenten wieder angekommen. «Ich habe mich, vor allem während der Schulzeit meiner Kinder, ehrenamtlich im Familienclub engagiert und viele neue Leute kennen gelernt. Momol, es stimmt. Wir fühlen uns wohl da.»

Würdigung des Aargauer Kuratoriums: Konzentration, Beharrlichkeit und Eigensinn

Der mit 40 000 Franken dotierte Kunstpreis ist die höchste Auszeichnung, welche der Kanton Aargau für künstlerisches Schaffen vergibt. Erhalten wird ihn am 20. Mai die 58-jährige Saxofonistin Co Streiff aus Jonen. Sie gelte als eine der bedeutendsten Jazz-Musikerinnen der Schweiz. Konzentration, Beharrlichkeit und Eigensinn würden sie auszeichnen, schreibt das Aargauer Kuratorium dazu. Ihre Musik sei geprägt von der Tradition, aber auch von der Eigenständigkeit, mit der sie sich vieles selber erarbeitet hätte. So habe Co Streiff als Pionierin einst die Strukturen geschaffen, in denen sich heute viele Jazzmusikerinnen bewegen würden.

«Mit dem ‹Oriental Jazz› von ‹Kadash› beginnt Co Streiff eine produktive künstlerische Suche nach musikalischem Austausch verschiedener Kulturen. Während fünfzehn Jahren entwickelt sie mit ‹Kadash› und im ‹Circus Theater Federlos› komponierend und improvisierend imaginäre Volksmusiken: auf mehrmonatigen Tourneen in Teilen Europas, aber auch in Nigeria, Ghana, Benin, Namibia, Zimbabwe, Ägypten, Kuwait und in Kirgistan.

Bis heute forscht Co Streiff an den Grenzlinien von Jazz und Volksmusik, verbindet intellektuelle, archaische und feinsinnige Klangwelten», schreibt die Kunstpreisträgerin auf ihrer Website. Weitere Infos und Klangbeispiele unter www.costreiff.ch, mehrere Videos finden sich auf Youtube. (to)