Wohlen

Circus Monti: In der verrauchten Bar ist Melancholie Programm

Die Kapelle Sorelle leitet einen auf liebenswürdige Art aus den schweren Gedanken heraus.

Die Kapelle Sorelle leitet einen auf liebenswürdige Art aus den schweren Gedanken heraus.

Mit dem Programm «Bonjour la vie» zeigt der Circus Monti das Artistenleben in all seinen Facetten: nicht nur die schönen, auch die traurigen.

Ich fühle mich nicht wie im Zirkuszelt, als die Artisten die Manege betreten. Ich sitze in einer Bar. Vielleicht in Paris. Vielleicht in den 30er- oder 40er-Jahren. Ein Pianist umhüllt die Gespräche mit seinen melancholischen Klängen, die junge, hübsche Cellistin wirkt etwas scheu.

Wie aus einer spontanen Laune heraus hebt ein junger Mann seinen Kollegen in die Luft. Letzterer dreht und windet sich, schlägt Saltos und lächelt wie zufällig ins Publikum. Mit seiner enormen Präsenz zieht er die Leute auf seine Seite. Sein Partner wirkt dagegen wie ein sicherer, ruhender Pol. Kaum merkt man, dass das Piano zur Seite gefahren wird, die Tische, Stühle und Personen verschwinden. Aus dem Programmheft weiss ich, dass das Duo seine Kunst in einem Zentrum für Strassenkinder in Kambodscha erlernt hat.

Kein Vergleich zum letzten Jahr

Die Partner-Diabolo- und -Jonglage-Nummern mit zehn Keulen von Tobias und Mario Muntwyler, den Enkeln der Zirkusgründer, zusammen mit Jacob Sharpe, fesseln mich. Es ist kein Vergleich zum letzten Jahr – das liegt nicht nur am Partner, auch die Wohler Artistenbrüder haben enorm zugelegt. Die Geschwindigkeit ihrer Nummern wird von der Musik von Lukas Stäger unterstützt.

Häufig sind es aber auch schwerere, traurigere Stücke, die mich zurück in die verrauchte Bar vom Anfang führen. In der vergangenen Saison waren es stets aufheiternde Nummern. Dieses Jahr sind auch einmal Seufzer erlaubt, wenn ein Mann einsam mit seinem Besen tanzt oder sich ein Paar auf einem Drahtseil umwirbt. Das Herz wird ein bisschen schwer dabei – genau das wollten die Regisseure Ulla Tikka und Andreas Muntwyler zeigen: die schönen und traurigen Seiten des Artistenlebens. Ich verstehe jetzt, was sie meinen. Die Schlangenfrau raucht auf dem Piano – die Zigarette lässig zwischen den Zehen.

Sehr starke Artisten

Ich atme durch, als Zirkusdirektor Johannes Muntwyler und die quirlige Armelle Fouqueray ihre komische Zauberei zeigen. Und die beiden schrulligen Figuren der Kapelle Sorelle leiten einen ebenfalls auf liebenswürdige Art wieder aus den schweren Gedanken heraus. Und der Jüngste in der Manege, Nicola Muntwyler, sorgt mit seinen ersten kurzen Einlagen zusätzlich für gute Laune.

Abgesehen von einigen Glitzerbändern an den Kostümen kommt das Programm vollkommen ohne Glamour aus. Was aber auffällt, sind die vielfältigen, sehr starken Fähigkeiten der Artisten. Zum 30. Geburtstag hat sich der Circus Monti seine Lieblings-Künstler ausgewählt. Das ist vor allem bei den Gruppennummern klar ersichtlich, wenn Trapezkünstlerinnen mit Keulen jonglieren und die unterschiedlichsten Artisten gemeinsam Saltos schlagen.

Jedesmal ein Spektakel

Die letzten Gedanken an die verrauchte Bar verschwinden beim Finale, das nicht als traditioneller Reigen, sondern nochmals rasant und energiegeladen aufgebaut ist. Nie kann man vorhersagen, was sich die Monti-Verantwortlichen Neues ausdenken. Doch jedes Mal wird es ein unvergessliches Spektakel. Genau so ist «Bonjour la vie».

*Andrea Weibel hat von Februar bis November 2013 im Monti-Team mitgearbeitet, im Zirkusabteil gelebt und mit Artisten und Mitarbeitern die ganze Deutschschweiz bereist.

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