«Der Unfall geht mir heute noch nach», sagte der Chauffeur vor Gericht. «Ich habe einen Riesenkampf, wenn ich an der Stelle vorbeifahre. Und das muss ich täglich mehrmals. Ich denke jeden Tag an den Mann. Ich war auch bei seiner Beerdigung. Ich habe nach dem Unfall den Kontakt zu seiner Familie gesucht. Mir war es ein Anliegen, der Familie zu sagen, dass mir das, was passiert ist, sehr leid tut.»

Der Beschuldigte hatte vor einem Jahr mit dem Lastwagen Deckbelagsmaterial auf eine Baustelle in Bremgarten geliefert.

Dazu musste er, halb auf dem Trottoir auf der Gegenfahrbahn, rückwärts an die Belagseinbaumaschine heranfahren und das Material in die Maschine kippen.

Als dieser Vorgang abgeschlossen war, fuhr er mit dem Lastwagen einige Meter vorwärts. Er stellte den Motor ab, stieg aus und begab sich hinter das Fahrzeug.

Man sagte ihm, dass er zwei Meter weiter nach vorne fahren müsse. Er ging auf der rechten Seite des Lastwagens vorbei, stieg ein und fuhr im Schritttempo vorwärts.

Dabei wurde ein betagter Mann vom Lastwagen erfasst. Er fiel zu Boden und wurde vom rechten Vorderrad überrollt.

Das Unfallopfer war ansprechbar und klagte über massive Schmerzen im Rücken.

Nach der ersten Versorgung wurde der Verunfallte ins Unispital Zürich eingeliefert. Dort verstarb er zwei Wochen später an den Verletzungen.

«Stieg blitzartig auf die Bremse»

«Für mich ist es unerklärlich, von welcher Seite der Mann gekommen ist», erklärte der Beschuldigte vor Gericht.

«Ich habe den Mann nicht gesehen. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich habe vor dem Anfahren in sämtliche Spiegel geschaut. Plötzlich hörte ich Leute schreien. Ich stieg blitzartig auf die Bremse. Ich stieg aus. Ich sah etwas unter dem Vorderrad liegen. Als ich mich hinunter beugte sah ich, dass es ein Mensch war. Ich stieg ein und fuhr rückwärts. Dann wurde mir schwindlig und schlecht. Es ging mir sehr schlecht.»

Auf die Frage von Gerichtspräsident Lukas Trost an den Beschuldigten, ob der Vorfall für ihn, den Beschuldigten, Grund sei, seinen Beruf aufzugeben, antwortete dieser: «Ich bin seit 15 Jahren Chauffeur. Ich bin bald 60. Da ist es nicht einfach etwas anderes zu finden. Zudem liebe ich meinen Beruf und möchte ihn bis zur Pensionierung ausüben.»

«Sorgfaltspflicht verletzt»

«Eine kleine Unaufmerksamkeit hatte tragische Folgen», stellte der Staatsanwalt fest.

«Es geht hier nicht darum, moralische Vorwürfe zu erheben, sondern um die Frage, ob sich der Beschuldigte strafbar gemacht hat, was mit Ja zu beantworten ist.»

Weil der Bereich der Baustelle für Fussgänger nicht gesperrt war, sei der Beschuldigte zu erhöhter Vorsicht verpflichtet gewesen.

Er habe jedoch seine Sorgfaltspflicht verletzt. Der Staatsanwalt beantragte, den Beschuldigten wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu je 110 Franken, zu einer Busse von 3000 Franken sowie zur Übernahme der Kosten zu verurteilen.

Der Verteidiger machte geltend, dass seinem Mandanten keine Verletzung der Sorgfaltspflicht vorzuwerfen sei. Der Beschuldigte sei daher von Schuld und Strafe freizusprechen.

Das Gericht folgte jedoch der Staatsanwaltschaft. Es verurteilte den Beschuldigten wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 130 Franken und zur Übernahme der Kosten. Auf eine Busse wurde verzichtet.

Das Gericht habe sich den Entscheid nicht leicht gemacht, sagte Gerichtspräsident Trost.

Angesichts der aussergewöhnlichen Situation bei der Baustelle und der Fussgänger hätte der Beschuldigte damit rechnen müssen, dass etwas passieren könnte. Er hätte daher sorgfältiger losfahren müssen.