Bremgarten
Bremgarter Neujahrsblätter kämpfen mit Absatzschwierigkeiten

Die Bremgarter Neujahrsblätter kämpfen mit Absatzschwierigkeiten. Nun denkt man darüber nach, diese in Zukunft vor den Festtagen herauszubringen. Auch sonst soll es kein Insiderheftli für Alteingesessene geben.

Jörg Baumann
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Der Schriftsteller Silvio Blatter (links) unterhält sich mit Richard Widmer. Im Hintergrund: Redaktionsleiter Fridolin Kurmann. Jörg Baumann

Der Schriftsteller Silvio Blatter (links) unterhält sich mit Richard Widmer. Im Hintergrund: Redaktionsleiter Fridolin Kurmann. Jörg Baumann

Eigentlich gehörten die Bremgarter Neujahrsblätter in jeden Haushalt. Aber der Verkauf harzt seit Jahren. «Die Redaktion muss neue Leserkreise erschliessen», sagte der Bremgarter Historiker und Redaktionsleiter Fridolin Kurmann an der Jahresversammlung der Schodolergesellschaft Bremgarten.

Die Gesellschaft gibt die Neujahrsblätter seit 1959 heraus. «Offenbar hat man heute in weiten Kreisen den Eindruck, die Neujahrsblätter seien ein Insiderheftli für alteingesessene Bremgarter», meinte Kurmann.

Die Redaktion denke deshalb darüber nach, die Neujahrsblätter in Zukunft schon vor den Festtagen herauszubringen, um vom Weihnachtsgeschäft profitieren zu können.

Eine Fülle von Erinnerungen

Die Meinung, die Neujahrsblätter seien verstaubt, widerlegt die Redaktion nicht erst seit gestern.

Für die neueste Ausgabe schrieben fünf Vorstandsmitglieder (Alexander Spillmann, Heinz Koch, Urs M. Schmassmann, Fridolin Kurmann und Jörg Baumann), sowie als freie Mitarbeiter der in Zürich lebende Bremgarter Schriftsteller Silvio Blatter, Emil Hüsser (gestorben 2003), Karl Staubli, Marlis Strahm-Honegger, Peter Brumann, Othmar Schaufelbühl und Walter-Karl Walde lesenswerte Beiträge über Bremgarten sowie Peter Vanal über Hermetschwil-Staffeln.

Man findet in der vom Grafiker Willy Müller gestalteten Schrift Erinnerungen, die auch einen jüngeren Leser dazu bringen könnten, über seine eigene Vergangenheit und seine Heimat nachzudenken, statt nur ferngesteuerte, weltläufige Geschichten im History-Fernsehkanal zu konsumieren. Die Autorin und die Autoren erhielten für ihre Arbeit das seit Jahren gleiche Geschenk: eine Flasche Wein.

Als Kassier der Schodolergesellschaft berichtete Hans Peter Bäni, Leiter Finanzen und Controller auf der Stadtverwaltung Bremgarten, dass die Jahresrechnung 2013 der Gesellschaft ausgeglichen abschloss, die Zahl der Abonnenten der Neujahrsblätter aber von 310 auf 285 abgenommen habe.

Dagegen fanden die Neujahrsblätter im freien Verkauf besseren Zuspruch. Es wurden 80 statt wie im Vorjahr 70 Exemplare abgesetzt.

Die Vorstandsmitglieder wurden für weitere zwei Jahre wiedergewählt. Ein rhetorisches Feuerwerk entzündete der Schriftsteller Silvio Blatter, der in Bremgarten an der Schlossergasse 15 aufgewachsen ist, als er über «die herbeigelogene Wahrheit» philosophierte.

Nur mit einigen Spickzetteln bewaffnet, gab er zu, dass auch ihn das Gedächtnis schon oft getrogen habe.

«So glaubte ich immer, dass ich mich noch an die mächtige alte Linde im Emaus erinnern könne.»

Dabei ist sie schon 1943 gefällt worden – drei Jahre, bevor Blatter auf die Welt kam. «Der Mensch vergisst zum Glück viel. Sonst hätte sein Hirn gar keinen Platz für Erinnerungen. Aber manchmal täuschen wir uns eben.»

Von Fakten und Legenden

Auf fatale Weise hat sich Blatters Grossvater Jakob Villiger getäuscht. Er soll um die Jahrhundertwende einen Schneidergesellen und Berufskollegen im Streit eine Treppe hinuntergeworfen haben.

Villiger glaubte, der Angegriffene sei tot, flüchtete nach Amerika und traf dort den damals weltberühmten Hundezirkusdirektor Engelbert Meier aus Bremgarten, der unter dem Künstlernamen Merian auftrat.

Merian engagierte Villiger als Schneider für die Hundekostüme – auch in den Neujahrsblättern nachzulesen. Richtig scheint Blatter aber mit seinen Erinnerungen an den Bremgarter Viehhändler Braunschweig zu liegen. Dieser fiel im Stadtbild auf, weil er immer in einer feinen Kleidung auftrat und eine goldene Taschenuhr mit sich trug.

Die künstlerische Freiheit

Als Schriftsteller müsse er, der künstlerischen Freiheit folgend, gelegentlich auch flunkern, gab Blatter zu. So habe er das damals noch der bürgerlichen Küche zugeneigte Restaurant Rathaus vor langer Zeit in einem Roman in eine Pizzeria umfunktioniert, was ihm den Vorwurf eingetragen habe, dass er lüge.

«Und heute? Heute ist das «Rathaus» eine Pizzeria!», meinte Blatter. «Nicht mehr lange!», tönte es aus dem Publikum zurück. Denn das Restaurant Sancti Bono ist seit dem 21. Dezember geschlossen.

Die Neujahrsblätter kosten 25 Franken und können im Buch-shopping Sunnemärt, im Tea-Shop & Lounge, Marktgasse 27, und auf der Stadtkanzlei bezogen werden.