Bergführer
Bremgarter Martin Bucheli hat keine Angst vor Bergen – aber vor Lawinen schon

In den letzten 30 Jahren gab es schweizweit immer weniger Lawinentote, obwohl mehr Wintersportler abseits der Pisten fahren. Bergführer Martin Bucheli erklärt das durch bessere Ausbildung und mehr Infos. Er war noch mit Lawinenschnur in den Pulverhängen unterwegs.

Andrea Weibel
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Bergführer Martin Bucheli (73) brütet noch heute gern über den Karten und stellt Skitouren zusammen. Ohne sein GPS geht er aber nirgendwo mehr hin.

Bergführer Martin Bucheli (73) brütet noch heute gern über den Karten und stellt Skitouren zusammen. Ohne sein GPS geht er aber nirgendwo mehr hin.

Andrea Weibel

V on seinem Balkon aus sieht er Vrenelis Gärtli und die Rigi. Sein Blick wird sanft, wenn er sie betrachtet. Doch dann grinst der Bremgarter Bergführer Martin Bucheli und erzählt: «Früher sagten mir die Berge gar nichts.» In der Krienser Seilbahnfirma, wo der gebürtige Luzerner seine Schlosserlehre absolvierte, gehörten viele Arbeiter den Seilbahnbauern der Gebirgsabteilung des Militärs an. «Damals kam man dort noch rein, weil man Leute kannte. Also sagte ich bei der Rekrutierung sofort ‹Seilbahnsapeur›, als meine Wunschkompanie gefragt war.» Was das bedeutete, fand er erst später heraus.

Während der Gebirgsausbildung entdeckte der damals 22-Jährige seine Liebe zu den Bergen. Er wurde Bergführer, Instruktor und Berufsmilitarist, dafür zuständig, Gebirgssoldaten auszubilden. «Die Seilbahnsapeure waren in Bremgarten stationiert, also zog ich samt Familie her. Die meiste Zeit war ich aber mit der Truppe auf dem Julierpass.» Und was tat er, um in den Ferien auszuspannen? «Ski- und Hochtourenwochen mit dem SAC», schmunzelt er. Oft leitete es 30 bis 40 Skitouren pro Winter.

«Infos sind Gold wert»

Er ist begeistert von den Ausbildungsmöglichkeiten, Lawinenbulletins und technischen Errungenschaften wie Lawinenverschüttetensuchgeräten (LVS) und GPS. Er rät allen, diese Möglichkeiten zu nutzen, denn: «Würden heute prozentual gleich viele Leute unter den Lawinen sterben wie damals, hätten wir unglaublich viele Tote. All die Infos und Ausbildungen sind Gold wert.»

Das LVS, auch «Barryvox» genannt, gab es zu Beginn seiner Laufbahn noch nicht. «Damals hatten wir Lawinenschnüre.» Das waren 20 Meter lange rote Schnüre, die alle 2,5 Meter eine Metallmarke mit einem Pfeil und alle 5 Meter eine Distanzangabe aufwiesen. «Jeder hatte das Knäuel im Rucksack. War ein Hang unsicher, banden wir uns die Schnur um den Bauch. So war die Chance, dass man gefunden und ausgebuddelt wurde, etwas grösser.

Man musste nur aufpassen, dass die Pfeile in die richtige Richtung wiesen, sonst suchten die Kameraden am falschen Schnurende», lacht Bucheli heute. Im SAC Lindenberg war er für höchstens 10 bis 15 Skitourenfahrer verantwortlich. Beim Militär war das anders: «Bis zu 50 Soldaten waren mir jeweils unterstellt.» Einmal rutschte ein Hang unter ihnen weg. «Ich stand weiter oben und sah, wie meine Leute gut 100 Meter abrutschten. Aber da über ihnen kein Schnee nachkam, hatte ich keine Angst. Es konnte nichts passieren.»

Leichtsinn

«Vor den Bergen hatte ich Respekt, aber Angst hatte ich nur vor Lawinen. Ich war immer sehr vorsichtig. Wenn ich daran denke, dass Lawinenexperten unter Schneemassen umkommen, was soll ich dann als kleiner Bergführer ausrichten?» Bisher hatte er Glück. Als er einmal einen Hang sprengen wollte und beim Aufstieg mit einem anderen Bergführer selbst in eine Lawine geriet, kämpfte er sich dem Licht entgegen und schaffte es, genau wie sein Kamerad, an der Oberfläche der Lawine zu schwimmen, sodass beide den Kopf rausstrecken konnten.

Leichtsinnig war auch er früher. «Als ich die Gebirgsausbildung hatte, dachte ich, ich könne alles.» Er führte zwei Freunde zur Monte-Rosa-Hütte. Mit Stirnlampe ging er frühmorgens voraus. «Auf einmal hörte ich hinter mir ein Rauschen – meine Freunde rutschten mit einem Schneebrett ab. Es war stockfinster.» So gut es im Dunkeln ging, rutschte er der Lawine hinterher. «Ich hörte einen der beiden sagen, seine Rippen tun weh. Da wusste ich, dass er lebte, liess ihn liegen und suchte den anderen. Per Zufall sah ich mit meiner Stirnlampe die Hand meines Freundes, die auf dem Schnee lag, und konnte ihn ausgraben.»

Oft denkt er an jene Situation: «Ich musste wohl auf die Art lernen, welche Folgen Leichtsinn haben kann.»