Bremgarten
Bremgarter auf Weltreise: «Ich fuhr dreimal durch die Hölle»

Tommy Heimberg (34) hat im Februar 2014 sein Motorrad verladen, 50 Kilo Werkzeug eingepackt und ist in die Welt gezogen. Dabei hat er nicht nur die Welt kennengelernt, sondern auch vieles dazugelernt.

Andrea Weibel
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Auf Skitour in Oahu, Japan.
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So sah der umgebaute Toyota-Bus in Neuseeland von innen aus.
Schneeschaufeln in Neuseeland.
Dreimal durch die Hölle – der Waldbrand in Chile.
Der vom Weltenbummler reparierte Deutz-Traktor im Kinderheim, 400 Kilometer nördlich von Lima.
Bremgarten Weltreise Tommy Heimberg

Auf Skitour in Oahu, Japan.

zvg/Tommy Heimberg

Tommy Heimberg war genervt. Der gelernte Landmaschinenmechaniker hatte so viele Ideen und arbeitete in verschiedenen Jobs, doch kam er auf keinen grünen Zweig. Da fasste er einen Entschluss: «Ich bin Mechaniker und habe Werkzeug, das muss doch reichen», fand er.

Damit zog er los. Mittlerweile ist er in Ecuador angekommen. Sein Ziel ist es, in jedem Land etwas Neues zu lernen. «Das habe ich bei weitem übertroffen», zieht er Zwischenbilanz. Die Geschichten, die er dabei erlebt, sind atemberaubend.

Start: Fuss gebrochen

Schon zu Beginn kam alles anders als geplant. Während seine 450 Kilo Gepäck inklusive Motorrad nach Neuseeland geschifft wurden, fuhr Heimberg im Februar 2014 mit zwei Freunden nach Japan zum Skitouren.

Doch noch während der Skireise brach er sich den Fuss. «Es war auch eine Erfahrung für mich selber. Der gebrochene Fuss lehrte mich, Geduld zu haben.» So flog er nach Neuseeland, wo er einige Tage das Bein hochlagern konnte. Dann kaufte er sich einen Toyota-Bus und baute ihn um: Aus einem Transporter wurde eine fahrbare Werkstatt samt Schlafplatz und Motorradgarage.

Um Geld zu verdienen, bewarb er sich auf Saisonstellen, bekam aber nur Absagen. Erst in einem Hippiedorf abseits der Zivilisation traf er einen Mann, der ihm weiterhelfen konnte. «Dass er gerade seinen nassen Computer am Feuer trocknete, stimmte mich nicht sehr zuversichtlich», gesteht Heimberg.

Doch am Ende klappte alles: Oben auf einem Berg war der Bremgarter bald verantwortlich für riesige Eisfelder, auf denen Autopneus auf ihre Winterfestigkeit geprüft werden. Es war Nachtarbeit und sehr streng. «Wir hatten Schneestürme. Aber dafür schauten wir uns in klaren Nächten den unglaublichen Sternenhimmel an.»

Daneben half er seinem Vermieter, der an einem Stroh-Lehm-Haus arbeitete. «Ich konnte enorm viel lernen. Und zwar alles Dinge, die ich nie erwartet hätte. Ich finde, die Gesellschaft sollte wieder mehr handwerkliche Fähigkeiten erlernen. Das ist mir auf jeden Fall gelungen.»

Nächste Überraschung

Knapp drei Monate reiste er anschliessend mit seinem Bus durch Neuseeland. Um diesen danach wieder verkaufsbereit zu machen und seine Enduro-KTM zum Touren auszurüsten, brauchte Heimberg einen Arbeitsplatz.

Und schon kam die nächste Überraschung: Ein Freund hatte eine neue Lagerhalle samt Dusche und Küche gekauft. «Es war perfekt, ich wohnte da etwa drei Wochen, baute alles um und trank abends ein Bier mit den Arbeitern», erzählt er lächelnd.

Um sein umgebautes Motorrad auf seine Tourengängigkeit zu prüfen, fuhr er rund 2000 Kilometer durch die Insel. «Eine Freundin hatte mir die Nummer ihrer Mutter gegeben, die ich anrief, als ich einmal komplett durchnässt war.» Heimberg verstand die Welt nicht, als ihm die Frau die Schlüssel für ihren Hof gab, ihm kurz die Tiere erklärte und sagte, der Kühlschrank sei voll, sie müsse ein paar Tage weg. «Ich fühlte mich wie im Paradies!»

Küchenbau und Kajak

Am 3. Dezember 2014 flog er nach Chile weiter. «Aus dem ‹Globetrotter›-Magazin habe ich Artikel über Leute gesammelt, die ich besuchen könnte. Einer davon war ein alter deutscher Hippie, der ein Hotel in der Seenregion führt. «Ich half ihm beim Umbau des Hauses.» Dabei eignete er sich Fähigkeiten im Einbau von Elektrik sowie im Küchen- und Wändebau an.

Doch als vor Weihnachten die ersten Gäste kamen, zog Heimberg weiter. Er ging kajaken und dann nach Argentinien: zum südlichsten Punkt des Festlandes, dem sprichwörtlichen Arsch der Welt.

«Eines der Highlights meiner Reise ist es immer wieder, zu merken, dass sich alles irgendwie regeln lässt», fasst der 34-Jährige zusammen. «Aber man darf es nicht erzwingen, sondern muss lernen zu warten.» So ändern auch seine Tagespläne ständig.

Vom Riverrafting zum Wandern und einer Viertagesreise mit dem Schiff ist alles ganz spontan. Und hat jemand eine Panne unterwegs, hilft der gelernte Mechaniker gerne aus. Dass ihn sein Bruder im Februar für zwei Wochen besuchte, war eine wunderbare Abwechslung zu all den neuen Bekanntschaften, die er auf der Reise täglich macht.

Äpfel für die Zöllner

Mit all seinen Abenteuern könnte er Bücher füllen – das tut er vielleicht eines Tages auch. Einmal führte ihn sein Weg durch Chile an einen Waldbrand. «Der Weg ging mittendurch.» Also fuhr Heimberg weiter.

«Es war die Hölle.» Doch nach nur wenigen hundert Metern kam er wohlbehalten wieder raus. «Ich hielt an und war total euphorisch. Da setzte ich meine Helmkamera auf und fuhr nochmals durch und wieder zurück.» Er lacht: «Ich fuhr dreimal durch die Hölle.»

Später machte es ihm etwas Sorgen, die Durchquerung der Atacama-Wüste nach Bolivien alleine zu fahren. Da traf er zwei Berner, die er schon früher auf der Reise kennen gelernt hatte. Sie fanden seine Idee so gut, dass sie mitfuhren.

Doch die Zöllner an der bolivianischen Grenze, die auf etwa 4000 Metern über Meer liegt, wollten sie nicht passieren lassen. «Der Zöllner sagte, uns fehlten gültige Papiere für die Motorräder», erinnert sich Heimberg kopfschüttelnd. «Weil die Zöllner aber ganz allein auf dem Berg wohnen, können sie schon kleine Dinge umstimmen.Also legte ich, wie mir jemand geraten hatte, zwei Äpfel auf den Tisch. Ich konnte es kaum fassen, aber das reichte schon und sie liessen uns durch.»

Die pure Freiheit

«Mit dem Motorrad unterwegs zu sein, ist einfach die pure Freiheit», hält Tommy Heimberg fest. Nach einem Touristopp in Cuzco, von wo aus er auf den Machu Picchu gewandert ist, traf er in einem Dorf am Amazonas eine Schweizer Hippie-Familie.

Danach regnete es stark. «Dort suchte und fand ich wieder einmal meine Grenzen bei einer Flussüberquerung», sagt Heimberg. «Ich wurde von den Fluten mitgerissen und schwamm samt Motorrad ein Stück den Fluss hinunter, bis mir jemand zu Hilfe kam. Als ich dann klitschnass auf dem Dorfplatz meine Sachen ordnete und reparierte, war ich wohl die Dorfattraktion. Der gerettete Gringo», lacht er.

Er lebte zwei Wochen lang bei einem Berner Aussteiger in den Anden «wie in der Steinzeit», beschreibt der Abenteurer, «aber das ist genau das, was die Menschheit nicht vergessen darf, die elementaren Dinge. Es ist beinahe magisch, solche Leute zu treffen.»

In einem Kinderheim 400 Kilometer nördlich von Lima wartete dann ein alter Deutz-Traktor auf den Mechaniker. «Da draussen im Wüstensand geht eine solche Reparatur um ein Vielfaches länger als in der Werkstatt.

Aber nach zwei Wochen Arbeit läuft die Kiste wieder.» Genau zu dem Zeitpunkt erhielt das Heim, zu dem auch ein Bauernhof gehört, einen gebrauchten Traktor mit Sämaschine aus der Schweiz. «Das war perfekt, ich als Landmaschinenmechaniker konnte ihnen eine Einführung geben. Und sie hatten eine Riesenfreude, dass sie jetzt nicht mehr von Hand säen müssen.»

Noch eineinhalb Jahre weiter

Nach dem Besuch eines Freundes aus Davos, der am liebsten gleich dageblieben wäre, ist Tommy Heimberg nun in Ecuador angekommen. Er möchte Eduardo Gold besuchen, der die mittlerweile schwarz gewordenen Gletscher weiss anmalt, damit sie nicht so schnell schmelzen. «Vielleicht kann ich helfen oder mir einfach den weissen Berg ansehen.» Am Ende will er vielleicht sogar auf einem Schiff anheuern. «Genaueres weiss ich aber noch nicht.»

Sein momentanes Ziel ist es, in etwa eineinhalb Jahren wieder daheim in der Schweiz anzukommen. «Aber vermutlich werde ich nicht einfach mit dem Flugzeug in Zürich landen, sondern ab Portugal nochmals auf mein Motorrad steigen und nach Hause fahren», stellt er sich vor. «Daheim möchte ich dann meine Erfahrungen auf irgendeine Weise weitergeben, vielleicht durch eine offene Werkstätte oder einen Erlebnisbauernhof für Kinder. Aber das sind alles noch Fantasien und Träume.»