Sommerlager
Braucht es mehr Erlebnis, um die Kinder in die Jubla zu locken?

Klar ist für Jungwacht/Blauring in Wohlen: Die Sommerlager sollen bei Kindern und Eltern beliebter werden. Schulpsychologe Martin Uhr ist sich sicher: «Lager bieten ein grosses Erfahrungsfeld: andere Regeln und Selbstständigkeit.»

Lisa Stutz / Tobias Schilling
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Sommer, Sonne, Lagerfeuer: Die Jungwacht Wohlen im Sommerlager vor einem Jahr.

Sommer, Sonne, Lagerfeuer: Die Jungwacht Wohlen im Sommerlager vor einem Jahr.

ZVG

Wie in einem alten Schwarz-Weiss-Film sieht man die Szene vor sich: Grosse Jungwachtscharen, die auf einer Wiesenfläche stolz ihre Zelte aufschlagen. Die zu Hunderten spielen, bauen und lachen. Die sich am Abend Gespenstergeschichten erzählen und am Ende der zwei Wochen zu Mutter und Vater zurückkehren, welche sich schlicht nichts anderes leisten konnten, als den Nachwuchs in den Ferien ins Sommerlager zu schicken. Weit entfernt waren zu jener Zeit die Billigflugangebote für Familien nach Mallorca, nicht auszudenken die zahlreichen Tennis-, Klavier- und Karatelager von heute.

«Es gibt heutzutage unzählige Möglichkeiten für Jugendliche, die Sommerferien zu verbringen», sagt Cornelia Meier, Leiterin des Blauring Wohlen. Das könnte ihrer Meinung nach einer der Gründe sein, weshalb die Zahl der Kinder, die noch ins Sommerlager kommen, stetig sinkt.

Andere Gründe könnten laut Meier sein, dass viele Blauringkinder die Ferienwochen in ihrem Heimatland verbringen, oder die ersten beiden Wochen – in denen das Lager stattfindet – mit den Eltern im Urlaub sind. Viele Kinder nennen als Grund auch, dass ihnen zwei Lagerwochen zu lang sind. Was es auch sein mag, Fakt ist: Dem Blauring und der Jungwacht gehen langsam die Kinder fürs Sommerlager aus.

Philippe Kohler, der Scharleiter der Jungwacht Wohlen, klagt ebenfalls über zu wenig Kinder: «Auch wir bekommen immer weniger Anmeldungen für das Sommerlager. Wir haben uns schon oft gefragt, was wir anders machen können.»

Sind Sommerlager nicht mehr beliebt?

Nicole Hermann von der Schweizer Stiftung für Feriengestaltung kann sich nicht über zu wenig Anmeldungen beklagen: «Wir haben eher mehr Kinder. Wir müssen nicht zunehmend Werbung machen, die Kinder kommen trotzdem in die Lager. Ein Grund dafür könnte unser breites Angebot sein.»

«Unsere Zahlen sind stabil», sagt auch Oliver Berger, Geschäftsführer von Cevi, dem drittgrössten Jugendverband der Schweiz. Die Lager mit Erlebnisprogrammen seien die beliebtesten. «Eine Geschichte, welche sich als roter Faden durch das Lager zieht.»

So könnten zum Beispiel Konzepte wie «Ritter mit Ross und Wagen auf einer mittelarterlichen Burgruine» oder die «abenteuerliche Rettung der Lady Mary Ann durch Robin Hood mit dem Gummiboot auf einem Jurasee» die Kinder begeistern, sich für die Lager anzumelden: «Dort begegnen Kinder biblischen Personen oder Helden der neueren Zeit», sagt Oliver Berger.

Andrea Adam, Leiterin Kommunikation von Pfadi Schweiz bestätigt: «Die Sommerlager sind bei uns klar auf Platz 1». Einen Rückwärtstrend sieht sie nicht. Jedoch würden die Lager regional organisiert werden. So könne es schon zu Schwankungen kommen. Vor allem aber sei ein Pfadi-Lager kein abgeschlossenes Ereignis. Die meisten Teilnehmer wären ja bereits in der Pfadi involviert: «In der Pfadi geht man eine Entwicklung durch».

Lohnen sich Sommerlager?

Der Wohler Schulpsychologe Martin Uhr ist sich sicher, dass Sommerlager sinnvoll sind: «Sie bieten ein grosses Erfahrungsfeld: Die Kinder erleben vielleicht zum ersten Mal eine neue Einfachheit, andere Regeln und Essenssitten, Selbstständigkeit und Freiraum, wie es nirgendwo sonst möglich ist.» Er selbst hat nur positive Erinnerungen an die Sommerlager: «Die sozialen Erfahrungen, der Spass und auch der Stolz – alles bleibt noch jahrelang im Gedächtnis.»

Natürlich sei ein Sommerlager für Kinder und Eltern eine Trennungserfahrung, die beidseits herausfordernd sein kann. «Aber auf jeden Fall lohnt es sich, es zu versuchen», so Uhr.

Die Kinder motivieren

«Wir machen Werbung in den Schulen, bieten an, dass die Kinder auch nur eine Woche ins Lager kommen können, und hängen im Dorf Plakate auf», sagt Cornelia Meier. Trotzdem haben sich bis jetzt erst sechs Kinder fürs kommende Wohlener Blauring Sommerlager vom 5. bis 18. Juli angemeldet.

Im letzten Jahr waren nur 20 Kinder im Sommerlager, was mit 20 Leitern eine Eins-zu-eins-Betreuung bedeutete. «Das macht einfach nicht so viel Spass wie mit der doppelten Anzahl Kinder», bedauert Meier.

Klar ist für Jungwacht und Blauring: Es muss etwas geändert werden, damit die Solas bei den Kindern und auch bei den Eltern wieder beliebter werden. Aber Cornelia Meier und Philip Kohler sind sich sicher: Kein Kind wird es bereuen, ins Sommerlager gekommen zu sein.