In der zum Bersten voll besetzten Mehrzweckhalle lag der Duft von Rippli mit Kraut, Hotdog und Bier in der Luft. Der englischen Höchstklassband «Bournemouth Concert Brass», die immerhin schon in der renommierten Royal Albert Hall in London aufgetreten ist, dürfte diese spezielle Atmosphäre zuerst wie ein Kulturschock vorgekommen sein. Wir kennen solch spezielle Konstellationen ja auch vom Sport, wenn im Cupwettbewerb eine Spitzenmannschaft einem Viertliga-Verein zugelost wird. Und genau in dieser Diskrepanz liegt die Würze eines so aussergewöhnlichen Konzertabends.

Den Mühlauer Ehrenpräsident und Prinzipal-Cornetist Jürg Syfrig zog es im Jahre 2009 nach Bournemouth zu einem Sprachaufenthalt. Als grosser Verehrer der englischen Brassband-Kultur (ausschliesslich Blechblas-Instrumente) und als technisch versierter Bläser fand er in dieser Zeit schnell Unterschlupf im Solo- Cornet-Register der Bournemouth Concert Brass und durfte sogar bei einigen Konzerten mitspielen. Die Freundschaft wurde in der Folge weiter gepflegt, und die englische Spitzenband stimmte zu, in Mühlau zweimal aufzutreten, an jedem Abend mit einem anderen Programm.

Mühlauer mit englischen Stücken

So ergab sich ein gelungenes Doppelkonzert, vor der Pause die Musikgesellschaft Mühlau mit einem rein englisch ausgerichteten Programm, nach der Pause die «Bournemouth Concert Brass». Mit dem Marsch «Arsenal», einem sehr geeigneten Einstieg, eröffneten die Mühlauer ihr Programm. Die Musikgesellschaft aus dem Oberfreiamt ist an vielen Pulten sehr ausgeglichen besetzt, sie weist 30 Bläser auf (mit einem Damenanteil von einem Drittel), dazu vier Perkussionisten. Auch die Durchmischung der Altersgruppen lässt darauf schliessen, dass in Mühlau viele junge Mitglieder eine prosperierende Zukunft des Vereins garantieren.

Die dritte Nummer bildete dann auch ein erstes Highlight: «Hailstorm» des britischen Blasmusik-Komponisten William Rimmer, geschrieben für einen technisch versierten Solisten. Diesen Part übernahm Jürg Syfrig mit Bravour. Das Stück weist, nebst melodiösen Sequenzen, ein paar sehr schnelle und anspruchsvolle Tonfolgen auf. Spätestens bei diesem Vortrag wurde jedem Zuhörer im Saal klar, wieso Cornetspieler Syfrig so schnell in einem englischen Höchstklassverein Unterschlupf gefunden hatte. Das Publikum in Mühlau verlangte zu Recht eine Dreingabe.

Dirigent Martin Aregger führt seine Musiker mit viel Gestik, was ihm bei «Cambridgeshire Impressions» entgegenkam. Die Komposition von Rieks van der Velde ist ein klangmalerisches Gemälde, das Eindrücke einer Reise zu den Monumenten von Cambridge schildert. Die Musikgesellschaft Mühlau konnt zeigen, dass sie einfühlsam und differenziert musizieren kann. Auf einem so britisch ausgerichteten Programmzettel darf einer nicht fehlen: James Bond, der Geheimagent ihrer Majestät. Das Medley bringt die bekanntesten (Erkennungs-)Melodien der Bondfilme zum Klingen. Mit zwei Zugaben schickte das Publikum die Mühlauer Musiker in die Pause.

Ein interessanter Vergleich

Mal hören und vielleicht staunen, wird sich mancher gedacht haben, als die Gäste aus England die Bühne einrichteten. Was wohl macht so ein Spitzenverein besser? Oder anders? Von der Besetzung her war kein Unterschied auszumachen, drei oder vier Bläser weniger als die Mühlauer, alle Akteure mit auffallend auf Hochglanz polierten Schuhen, englische Perfektion halt. Leo Betschart, der mit kurzen Informationen durchs Programm führte, durfte seine Ansagen erst machen, wenn Dirigent Nigel Taken ihm die Erlaubnis gab.

Und dann gings los, mit der schmissigen Komposition 20th Century Fox Fanfare. Vergleiche mit dem Solo von Jürg Syfrig stellten sich gleich ein, als der Solo-Cornetist aus Bournemouth «Virtuosity» von Kenny Baker zum Besten gab. Die Perfektion beim Ansatz, die Atemtechnik sowie das gewählte Tempo war allererste Klasse, das Publikum bedankte sich mit langanhaltendem rhythmischem Klatschen.

Die Engländer liessen es sich nicht nehmen, das Teststück der britischen Brass-Band-Meisterschaft der Höchstklasse an beiden Abenden auch in Mühlau zu spielen. Ein Arrangement von Frank Wright über mehrere Themen aus Giuseppe Verdi’s Oper «die Macht des Schicksals». Da werden hohe Anforderungen gestellt, jedes Register hat auch Soloeinsätze, die Tempi sind äusserst unterschiedlich, die Dynamik greift vom leisesten Pianissimo bis zum ausladenden Fortissimo. Das war das eigentliche Highlight des Abends. Nigel Taken leitet seine Stars mit viel Verve und strenger Mimik, selbst stürmischer Beifall hat ihm kein Lächeln abgewinnen können.

Schliesslich kam der Mühlauer Euphoniumbläser Martin Räber zu einem Solo-Auftritt mit den Engländern. Er interpretierte das Werk «Donegal Bay» mit gutem Ansatz und Gespür
für eine wohlausgewogene Phrasierung.

Abschied mit Wilhelm Tell

Auch die Engländer hatten ein musikalisches Geschenk an die Schweiz mitgebracht. Der berühmte Marsch aus der Ouvertüre zur Oper Wilhelm Tell von Gioachino Rossini. Falls die Musikgesellschaft Mühlau plant, einmal nach Bournemouth zu reisen, tun sie gut daran, jetzt schon die englische Nationalhymne einzustudieren, es ist unsere alte Schweizer Nationalhymne, die uns die Engländer «abgenommen» haben.

Fazit: Ein gelungenes Konzert, mit hohem Unterhaltungswert, speziellen Einlagen und ohne Klamauk.