Bremgarten
Brasilianerin wollte ihr Kind nicht töten

Das Bezirksgericht Bremgarten hat eine 34-jährige Brasilianierin vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung ihres Babys mit Schlaftabletten freigesprochen. Hingegen verhängte es eine Freiheitsstrafe von 2,5 Jahre für die Gefährdung des Lebens.

Adrian Hunziker und Christoph Zehnder
Merken
Drucken
Teilen
Wieviele Tabletten sie ihrem Kind gegeben hat, weiss die Angeklagte nicht mehr (Symbolbild)

Wieviele Tabletten sie ihrem Kind gegeben hat, weiss die Angeklagte nicht mehr (Symbolbild)

Keystone

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand am Donnerstag die 34-jährige Brasilianerin Liliana (Name geändert). Sie wurde beschuldigt, dass sie ihre acht Monate alte Tochter mit in den Freitod habe nehmen wollen, als sie einen Suizidversuch unternahm. Sie bestritt jedoch, dass sie ihre Tochter töten wollte.

Mit Handschellen wurde Liliana in den Gerichtssaal geführt. Seit dem Vorfall im Februar 2011 sitzt die Brasilianerin in Sicherheitshaft. «Ich bedauere, was geschehen ist. Aber ich kann es nicht rückgängig machen, sonst würde ich das sofort tun», sagte sie vor Gericht. Sie war im Februar 2011 in einer schwierigen Situation: Ihre Ehe mit einem Italiener war in die Brüche gegangen, aber sie waren noch nicht geschieden.

Und sie hatte eine Beziehung mit einem Schweizer, der ebenfalls noch verheiratet war. Hinzu kam die 8-monatige Tochter, die vermeintlich von ihrem damaligen Lebenspartner stammte. Dieser soll Liliana auch immer wieder dazu aufgefordert haben, endlich arbeiten zu gehen und das Kind zur Adoption freizugeben.

Beispiele für Kindsmord

Ein Berner schüttelte seine fünf Wochen alte Tochter im Jahr 2000 zu Tode. 2003 warf eine Mutter ihre zwei Kinder (2,5 und 4 Jahre) in Obwalden von einer 100m hohen Brücke. Ein Vater aus dem Zürcher Unterland schlug seinen 2-jährigen Sohn 2004 wegen seinem «nervigen» Geschrei zu Tode. 2006 schoss ein Mann auf seine Frau, floh mit den Kindern ins Wallis, wo er das Mädchen (6) und den Jungen (10) mit Kopfschüssen tötete. In Bulle schoss ein Vater 2011 auf seine zwei Kinder. Dabei starb die 2-monatige Tochter. (AHU)

All diese Umstände hätten dazu geführt, dass die damals 33-Jährige keinen Ausweg ausser dem Freitod mehr sah, argumentierte die Verteidigung. So nahm sie eine Überdosis Beruhigungs- und Schlaftabletten zu sich. Als sie merkte, dass das nicht genügte, versuchte sie, ihre Pulsschlagadern aufzuschlitzen, was ihr aber misslang.

Während dieses Kampfes mit sich selbst erwachte die Tochter aus dem Schlaf und Liliana nahm sie zu sich aufs Bett. Bereits von den Tabletten benebelt, verabreichte sie ihrer Tochter zur Beruhigung ebenfalls Tabletten. «Ich weiss nicht mehr, wie viele es waren», so Liliana. Sie habe ihr Kind aber nur beruhigen und sichergehen wollen, dass das Kind nicht vom Bett fallen würde, wenn Liliana nicht mehr aufwachen würde. Sie habe ihre Tochter sicher nicht töten wollen, so Liliana.

Partner brachte Kind zum Arzt

Das sah die Staatsanwaltschaft anders. Man habe schliesslich Abschiedsbriefe und SMS gefunden, in denen von «wir» die Sprache gewesen sei, argumentierte Staatsanwalt Urs Hoppler. «Das Opfer lebt nur noch aufgrund von glücklichen Umständen», sagte Hoppler. Denn Lilianas damaliger Lebenspartner kam an diesem Tag ungewöhnlich früh von der Arbeit nach Hause und fand die Mutter so tief schlafend vor, dass er sie nicht wecken konnte. Das Kind stöhnte und war bleich. Sofort brachte Lilianas Partner das Mädchen zum Notfallarzt. Dieses schnelle Handeln rettete ihm letztlich das Leben.
Das sah hingegen die Verteidigerin Fabienne Morf ein wenig anders. Sie argumentierte, der Zustand des Kindes sei zu keinem Zeitpunkt lebensgefährlich gewesen. Daher sei ihre Mandantin vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung freizusprechen. Staatsanwalt Hoppler forderte hingegen eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren.

Das Bezirksgericht Bremgarten sprach die Brasilianerin letztlich vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung frei. Hingegen verhängte es eine Freiheitsstrafe von 2,5 Jahren für die Gefährdung des Lebens, die Hälfte davon bedingt. Da die Angeklagte bereits 15 Monate in Sicherheitshaft verbracht hat, kommt sie nun frei. Ihr wird eine 3-jährige Bewährungsfrist auferlegt.