Frauenordination

Boxende Theologie-Studentin kämpft für Frauen im Priesteramt

Aufmüpfiger Wirbelwind und fleissige Theologiestudentin: Jacqueline Straub im Boxtraining in Aarau. «Das Leben ist ein Kampf und Boxen ist eine gute Lebensschule», sagt sie.

Aufmüpfiger Wirbelwind und fleissige Theologiestudentin: Jacqueline Straub im Boxtraining in Aarau. «Das Leben ist ein Kampf und Boxen ist eine gute Lebensschule», sagt sie.

Nach einem Tiefschlag aufstehen und weitermachen: Die Theologiestudentin Jacqueline Straub aus dem aargauischen Muri kämpft für die Frauenordination. In 10 bis 15 Jahren will die heute 24-Jährige Priesterin sein.

Wenn Jacqueline Straub ihren Berufswunsch realisieren will, muss sie zuerst eine weltweite Organisation mit 1,2 Milliarden Mitgliedern in ihren Grundfesten verändern. Die Organisation: Die Römisch-katholische Kirche. Ihr gegenwärtiger Status: Master-Studentin der Theologie an der Universität Luzern mit Wohnort Muri. Ihr Berufswunsch: Priesterin. Eine Studentin soll schaffen, was bisher niemand geschafft hat, nämlich den Ausschluss der Frauen von geweihten Ämtern zu überwinden? Ist das nicht ein bisschen anmassend?

Wer Jacqueline Straub gegenübersitzt, der denkt unvermittelt: Wenn eine das schafft, dann sie! Die Frau sprüht vor Energie, Begeisterung und Kampfeslust. Die erste Stufe, die mediale Bekanntheit, hat sie bereits erklommen: Wenn in einer Talkshow oder auf einem Podium in Deutschland, Österreich oder der Schweiz über Theologie geredet wird, ist die 24-Jährige gern gesehener Gast. Wenn das Thema «Frauenordination» lautet, gehört sie zum obligatorischen «Inventar». Doch schön der Reihe nach.

(Quelle: youtube/Barnabas Stephan)

Jacqueline Straub in einer Talk-Sendung

Jacqueline Straub wird 1990 in Sigmaringen im oberen Donautal geboren und «keinesfalls krass religiös» erzogen. Nachdem die Familie nach Pfullendorf umgezogen ist, ein paar Kilometer südlich Richtung Bodensee, trifft sie auf einen Pfarrer, «der war ganz toll». Er zündet in der 15-Jährigen sozusagen das Glaubenslicht an. «In einem Sommerlager und auf Pilgerfahrten nach Rom, Assisi und Taizé bin ich in meinem Glauben an Gott gestärkt worden», erzählt sie. Mit 17 wird sie Ministrantin. Als treuer «Bodyguard» ihres Pfarrers steht sie nun am Altar, mittendrin in der Eucharistie und weiss: «Was er hier macht, das will ich auch einmal machen.»

Ihr ist aber auch klar: «Eine so grundlegende Veränderung kann man nicht von aussen einleiten, da muss man mittendrin sein. Einen Moment lang habe ich erwogen, zur reformierten Kirche zu konvertieren, um Pfarrerin zu werden. Aber ich liebe und unterstütze im Grundsatz die römisch-katholische Kirche, ich will nicht ‹in die Opposition›.» So ist die Studienwahl klar: Sie schreibt sich an der theologischen Fakultät der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg im Breisgau ein. Doch nach einigen Semestern spürt sie: Hier herrscht weniger Verständnis für ihr Anliegen als in der Schweiz, wo ihre Mutter herkommt und wo sie wiederholt Ferien gemacht hat. Sie ist überzeugt: Da gibt es die liberaleren Ansätze in Kirche und Universität. Nach dem Bachelor absolviert sie ein Erasmus-Semester in Fribourg. Für den Master wechselt sie nach Luzern.

Wann und wie aber wird aus der fleissigen Studentin eine in drei Ländern bekannte Fürsprecherin für das Frauenpriestertum? Alles beginnt 2011, mit dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Deutschland. Jacqueline Straub schreibt einen Willkommensbrief an den Papst, der in einem Buch publiziert und dem Papst überreicht wird. Sie schreibt unter anderem: «Ich würde so gerne Priesterin in der katholischen Kirche werden. Mit grösster Überzeugung und ganzer Liebe zu Gott und zur Kirche möchte ich diese Berufung leben und ausführen.» Die Antwort der Kurie bleibt förmlich-unverbindlich. Doch das Buch wird nicht nur vom Papst gelesen: In mehreren deutschen Zeitungen erscheinen Berichte über Jacqueline und ihren unbändigen Wunsch.

Und der Kreis weitet sich. «In den Semesterferien 2012 rief mich die österreichische Dokumentarfilmerin Maria Blumencron an. Sie plane einen Dokumentarfilm über Frauen in der frühen Kirche und wolle mich als Protagonistin aus der heutigen Welt mit dabei haben.» Der Film wird an Ostern 2013 in ZDF, ORF und SRF ausgestrahlt. Und der Kreis weitet sich noch mehr. «Am Tag der Wahl von Papst Franziskus, am 13. März, der Doku-Film war noch nicht einmal ausgestrahlt, rief mich die Redaktion der Talkshow ‹Beckmann› an, man gedenke, am Folgetag eine Talk-Runde über den neuen Papst zu senden.» 18 Stunden später findet sich Jacqueline im ARD-Studio in Hamburg mitten in einer prominenten theologischen Runde wieder. Bis heute folgen zahlreiche Auftritte, in der «Münchner Runde» des bayrischen Fernsehens, am Deutschen Katholikentag oder auf prominenten Podien in Hamburg und Bern.

In den meisten Bereichen sind die Benachteiligungen der Frauen ausgeräumt, nur in der katholischen Kirche bewegt sich nichts. «Das stimmt nicht ganz», widerspricht Jacqueline Straub, «seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das Frauenbild gewandelt, es gab Fortschritte, stossend bleibt noch der Ausschluss von den geweihten Ämtern Diakon, Priester und Bischof. Er basiert auf dem kanonischen Recht, Kanon 1024 lautet: ‹Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann›. Doch Jesus hat die Frauen stets auf Augenhöhe behandelt, nach seiner Auferstehung ist er zuerst einer Frau erschienen, Maria Magdalena. Wer aus der Bibel die Bevorzugung des Mannes ableiten will, muss gezielt gewisse Stellen ausblenden.»

Und wie will sie konkret vorgehen, um aus einer Utopie Realität zu schaffen? «Nach dem Studium versuche ich in den Medien Fuss zu fassen, um meine Idee verbreiten zu können. Auch werde ich aktiv an Netzwerken knüpfen. Denn es braucht eine breite Bewegung innerhalb und ausserhalb der Kirche, um diesen Kanon 1024 zu überwinden.» Wie viele Jahre dauert es noch, bis sie Priesterin ist? «Sicher 10 bis 15 Jahre.» Also noch nicht unter dem heutigen Papst? «Nein. Franziskus ist ein toller Papst. Mit der Familiensynode hat er wichtige Themen angestossen. Aber er hat letztlich andere Prioritäten, den Frieden auf der Welt, den Kampf gegen die Armut.» Wird Jacqueline Straub zölibatär leben? «Nein, ich habe einen Freund. Und ich will heiraten und Kinder haben. Ich gehe davon aus, dass zuerst das Zölibat fällt und erst dann die Frauen zum Priesteramt zugelassen werden.»

Jacqueline Straub hat ein Gesuch auf erleichterte Einbürgerung in der Schweiz gestellt, sie will auf jeden Fall hier bleiben. Nach Muri ist sie eher zufällig gekommen. Der Murianer Jurist und Theologe Quirin Weber, Dozent an der Universität Luzern, hat ihr ein Zimmer vermittelt. Ein aufmüpfiger Wirbelwind ausgerechnet im Klosterdorf Muri – kommt das gut? «Ich habe Muri bisher nicht als verstockt konservativ erlebt. Ich möchte hier als Lektorin und Kommunionshelferin tätig sein und bin deshalb mit dem hiesigen Pfarrer im Gespräch.» Eine Premiere hat sie auf Vermittlung von Quirin Weber bereits geschafft: Sie wird demnächst als erste Frau am örtlichen Stamm des Schweizerischen Studentenvereins (StV) referieren.

Dreimal in der Woche fährt sie von Muri nach Aarau – ins Boxtraining. «Das Leben ist ein Kampf und Boxen ist eine Lebensschule», sagt sie. «Es macht stark und schnell, wenn man einen Schlag einsteckt, muss man aufstehen und weiterkämpfen. So wird es mir auch in meinem Kampf für die Frauenordination gehen.» Aber ist Boxen nicht brutal? «Nein, wenn man richtig trainiert, ist es sogar ästhetisch. Man lernt viel über sich und seine Gegner.» Sprichts und eilt von dannen. Sie muss zum Flughafen. Sie wird in St. Pölten bei Wien an einer internationalen Laien-Initiative erwartet.

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