Wer in den vergangenen Tagen auf Freiämter Radwegen unterwegs war, dem konnte es durchaus passieren, dass er von einem unheimlich rasanten, sehr tief liegenden Gefährt mit drei Rädern überholt wurde. Der Mann, der da auf seinem Handbike locker mal 40 Kilometer pro Stunde macht, heisst Cornel Villiger, kommt aus Boswil und hat bis und mit gestern einen total harten, einwöchigen Trainingsblock absolviert als Vorbereitung auf die Para-Cycling-Weltmeisterschaftsrennen von kommender Woche in Maniago (I).

Die Energie und Lebensfreude, die vom 41-jährigen Behindertensportler ausgehen, sind ansteckend. Die Gangarten «langsam» und «gemütlich» scheint es in seinem Leben nicht zu geben. Auf seinem Rollstuhl saust er eben mal in die Küche, lässt zwei Kaffee raus, fährt zurück an den Tisch und erklärt: «Sehen Sie, ich mache es wie der Kaffee in der Tasse. Er reicht bis zum Rand. Er nutzt den ganzen Platz, den ihm die Tasse lässt. So mache ich es auch. Ich will wissen, wo meine Grenzen sind. Bis dahin will ich gehen. Vorher aufzuhören oder aufzugeben, das liegt mir nicht.»

Behinderung ist kein Thema

Mit dieser Einstellung hat der erfolgreiche Leichtathlet und Polizeigrenadier nach seinem schweren Motorradunfall vor 14 Jahren sein Leben noch im Krankenhaus wieder in die eigenen Hände genommen. «Ich wusste, dass ich meine Arm- und Brustmuskulatur noch gezielt einsetzen und somit auch trainieren konnte», erzählt der stolze Familienvater, dessen ältester Sohn, Gian, damals gerade mal zehn Monate alt war. Jetzt ist er 14. Seine jüngeren Brüder, Nando und Josh, sind zwölf und sechs Jahre alt. Weder für sie noch für Villigers Frau, Karin, ist seine Behinderung ein Thema. Im Gegenteil: Seine Lieben müssen sich warm anziehen, wenn sie mit ihm mithalten wollen. An sechs Tagen pro Woche trainiert er, nach seinem selbst entwickelten Trainingsplan. Daneben erfüllt er ein 50%-Pensum als Betriebswirtschafter HF bei der Kantonspolizei.

Schon WM-Luft geschnuppert

Angefangen hat Villiger im Behindertensport als Leichtathlet im Rennrollstuhl. «Das Handbike war einfach eine Alternative daneben. Aber vor einem Jahr habe ich mich darauf fokussiert und es gelang mir ein steiler Einstieg», freut sich Villiger, der am 30. Juni in Schneisingen den Schweizer-Meister-Titel im Handbike-Strassenrennen holte und eine Woche später in Emmen (NL) sein erstes Weltcuprennen bestritt. «Ein guter Live-Test vor Ort», erklärt Villiger, «denn in Emmen findet nächstes Jahr die WM statt.» Kaum zu Hause, erhielt er den Selektionsentscheid für die WM in Italien. Am Dienstag macht er sich nun mit zehn Kollegen des Schweizer Nationalteams auf, um auch da wieder alles zu geben. So bringt Villiger nicht nur sich, sondern auch seinen Sport vorwärts. «Das ist wichtig, denn wir müssen uns ja auch finanzieren können», sagt er. «Sehen Sie, auf meinem Gerät wäre also noch etwas Platz für einen weiteren Sponsorenkleber ...»