«Ich füttere meine Schafe regelmässig mit Brot. Für sie ist das kein Problem, vorausgesetzt, es ist trocken und die Tiere fressen nicht zu viel davon. Schon leicht angegrautes, feuchtes Brot kann jedoch zu schweren Vergiftungen führen», sagt Hans-Ueli Baumgartner.

Der Dintiker ist Präsident des Aargauer Schafzuchtvereins und hört immer wieder von tragischen Fällen: «Die Leute haben das Gefühl, sie würden den Schafen etwas Gutes tun, wenn sie altes Brot oder andere Lebensmittel auf die Weide werfen. Das ist falsch verstandene Tierliebe, die unter Umständen tödliche Folgen haben kann.»

Aus der rund 50 Engadinerschafe zählenden Herde der Familie Guggisberg in Eggenwil sind in den letzten drei Jahren mehrere Tiere auf der Weide qualvoll verendet. In allen Fällen vermuten die Besitzer Fremdfütterung: «Mit Bestimmtheit können wir es nicht sagen», erklärt Elisabeth Guggisberg, «die Schafe sind nicht obduziert worden. Der Tierarzt ist bei der Todesursache jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit von Fremdfütterung ausgegangen.»

Brot auf die Weide geworfen

Den Winter verbringen die Schafe im Stall, von wo aus sie jederzeit ins Freie gehen können. Nur ein paar junge Böcke sind auf der Weide. Dort hat Elisabeth Guggisberg am Sonntag eine böse Entdeckung gemacht: «Jemand hat altes Brot in die Weide geworfen. Ich habe es noch rechtzeitig entdeckt und entfernt. Hätten die Tiere das Brot gefressen, hätte das schlimm enden können.»

Die Engadinerschafe seien eine sehr genügsame Rasse, die auch auf einer Magerwiese genügend Futter fänden. Brot sei nicht auf dem Speiseplan: «Weil sie es nicht gewohnt sind, ist die Gefahr gross, dass sie sterben, wenn sie davon fressen», erklärt die Züchterin.

Brot führt zu Übersäuerung

Das Thema ist nicht nur im Freiamt aktuell. Auch in anderen Regionen der Schweiz verenden immer wieder Tiere, weil sie von Passanten gefüttert werden. In Bremgarten (Bern) waren es vor zwei Jahren mehrere Ziegen. Auch sie hatten Brot gefressen. Warum ist das so gefährlich? «Brot bringt wegen der leicht verdaulichen Kohlenhydrate den Magen von Wiederkäuern wie Ziegen oder Schafen durcheinander und führt zu einer Übersäuerung des Pansens.»

Im Extremfall führe das zum Tod durch Kreislauf- oder Nierenversagen, liess sich Tierarzt Patrik Zanolari von der Wiederkäuerklinik der Uni Bern zu diesem Fall verlauten.

In der Fachliteratur ist von der «Pansenadizose» die Rede. Diese Übersäuerung des Pansens entstehe bei einer übermässigen Aufnahme von kohlehydratreichen Futtermitteln wie Getreide, Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais oder eben Brot. Das heisse nun aber nicht, dass man Schafen überhaupt kein kohlehydratreiches Futter verabreichen dürfe, sagt Schafzüchter Hans-Ueli Baumgartner: «Es kommt auf die Menge an und auch darauf, dass man die Tiere langsam an solche Nahrung gewöhnt.»

Ein weiteres Problem für die Schafzüchter ist Littering: «Vor allem auf den Weiden an der Hauptstrasse liegt immer wieder Abfall. Auch das ist für unsere Schafe sehr gefährlich und kann sie allenfalls sogar das Leben kosten», sagt Elisabeth Guggisberg.

Tiere auf keinen Fall füttern

Der Präsident des Aargauer Schafzuchtvereins und die Eggenwiler Schafzüchterin Elisabeth Guggisberg rufen dringend dazu auf, weidende Tiere nicht zu füttern: «Wenn ihnen jemand etwas Gutes tun will, dann können sie vorher fragen und altes Brot oder anderes Futter direkt mir bringen. Ich kann dann entscheiden, ob ich meine Tiere damit füttern will oder nicht», sagt Hans-Ueli Baumgartner.

Und erzählt dazu aus seinem Alltag: «Wenn Leute meine Schafe füttern, gewöhnen sich diese daran und blöken, wenn sie von den nächsten Passanten nichts bekommen. Das hat schon oft dazu geführt, dass mich weitere Tierfreunde angerufen und gerügt haben, ich gäbe meinen Schafen nicht genug zu fressen.»