Versuchter Femizid
Er würgte seine Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit – und verging sich dann sexuell an ihr

Vor dem Bezirksgericht Muri musste sich ein 42-jähriger Schweizer wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und Schändung verantworten. Er sei betrunken gewesen, könne sich an nichts erinnern, so der Beschuldigte. Doch etwas kann an seiner Geschichte nicht stimmen.

Pascal Bruhin
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Mit beiden Händen an ihrem Hals würgte der Täter seine Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit. Dann verging er sich an ihr.

Mit beiden Händen an ihrem Hals würgte der Täter seine Ehefrau bis zur Bewusstlosigkeit. Dann verging er sich an ihr.

Symbolbild: EyeEm

«Ich habe in meiner gesamten beruflichen Laufbahn noch nie eine Patientin gesehen, die Verletzungen in diesem Ausmass überlebt hat.» Eindrücklich schilderte der Gutachter des Instituts für Rechtsmedizin in Aarau vor dem Bezirksgericht Muri seine Feststellungen vom 16. Mai 2020. Er führte aus:

«Dass sie überlebt hat, ist dem reinen Zufall zu verdanken. Es war ein Zustand, in dem es in die eine oder die andere Richtung hätte gehen können.»

Was diese Frau durchgemacht haben muss, gleicht einem Martyrium. Sie hat ihm vertraut, kennt ihn seit 17 Jahren. In dieser Nacht hat ihr Ehemann versucht, sie zu töten. Er würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit, um sich danach an ihr sexuell zu vergehen. Versuchte vorsätzliche Tötung und Schändung, so lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten.

Trotz Trennung schliefen sie noch im gleichen Bett

Seit drei Monaten seien sie damals schon getrennt gewesen, wohnten aber aus finanziellen Gründen noch im selben Haus, erklärte das Opfer vor Gericht. Der etwas zerbrechlich wirkenden Frau, dunkel gekleidet, einen Schal um den Hals, fiel es auch eineinhalb Jahre nach dem Vorfall noch sichtlich schwer, darüber zu sprechen.

An jenem Abend hätte sie ihren Noch-Ehemann darauf angesprochen, dass bald die Details zur anstehenden Scheidung besprochen werden müssten. Doch die Besprechung wurde vertagt. Sie ging ins immer noch gemeinschaftliche Ehebett, er wie jeden Freitagabend an den Computer, um zu gamen. World of Warcraft.

Gegen drei Uhr nachts folgte er seiner Frau ins Bett. Er legte sich neben sie, begann sie am Gesäss zu streicheln. Sie ging zur Toilette, um der Situation zu entfliehen. Sie sagte:

«Ich habe mir noch überlegt, ob ich bei einem der Kinder schlafen soll. Aber dann dachte ich mir: Nein, er weiss ja, dass ich keinen Sex mehr mit ihm will.»

Sie ging zurück ins Ehebett. Wieder begann er sie zu streicheln. «Ich sagte ihm, dass ich das nicht möchte», so die etwa 40-Jährige. Dann habe der Beschuldigte folgende Aussage gemacht: «Das ist das letzte Mal, wo du deinen Arsch hinhalten kannst.» Und weiter: «Ich kann dich auch gerade erwürgen und danach ficke ich dich noch.»

Gegen den mehr als doppelt so schweren Ehemann hatte das Opfer keine Chance.

Gegen den mehr als doppelt so schweren Ehemann hatte das Opfer keine Chance.

Symbolbild: Imago

Auf seine Worte liess er Taten folgen

Seinen Worten folgten Taten. Ruckartig drehte er sie auf den Rücken, fing an, sie zu würgen. «Ich habe versucht, mich zu wehren, habe mit den Füssen gegen die Wand getreten.» Doch gegen ihren Ehemann- mehr als doppelt so schwer wie sie – hatte sie keine Chance.

«Irgendwann merkte ich, wie der Körper abstellte. Ich habe dann keine Schmerzen mehr gespürt. Ich dachte, jetzt ist es vorbei. Mein letzter Gedanke war nur noch, dass meine Kinder mich brauchen.»

Wenig später kam sie auf dem Gang vor dem Schlafzimmer wieder zu sich. Auf allen vieren und die Pyjamahose nur noch an einem Bein hängend. Die drei Kinder wachten auf und eilten ihr zu Hilfe. «Da merkte ich erst, dass ich noch lebe», so das Opfer. Ihren Kindern sagte sie, sie hätte nur einen Albtraum gehabt. Damit wollte sie eine Eskalation verhindern. Denn ihr 18-jähriger Sohn – Stiefsohn ihres Peinigers – wäre wohl ausgerastet, hätte er erfahren, was wirklich passiert war. Schon einmal hatte ihr Ehemann sie zuvor geschlagen.

Vor Jahren hat der Beschuldigte schon einmal geschlagen.

Vor Jahren hat der Beschuldigte schon einmal geschlagen.

Symbolbild: Casarsa / E+

Im Geheimen rief sie die Polizei. Ihr Ehemann – den sie vor Gericht nur «den Angeklagten» oder bei seinem Nachnamen nannte – legte sich derweil im Gästezimmer schlafen. Im Kantonsspital Aarau stellte man dann beim Opfer ein massivstes Stauungssyndrom mit Stauungsblutungen an der gesamten Gesichtshaut, hinter den Ohren, in der Mund- und Rachenschleimhaut sowie flächenhafte Einblutungen im Bereich beider Augenbindehäute fest.

Opfer schwebte in unmittelbarer Lebensgefahr

Eine bis zwei Minuten lang muss sie gewürgt worden sein. «Eine Sekunde länger hätte bereits zum Tod führen können», so der Gutachter vor Gericht. Er erklärte, wie durch den Druck die Venen blockiert wurden, während die tiefer liegenden Aorten weiterhin Blut ins Gehirn pumpten. In der Scheide des Opfers fand man zudem DNA-Material des Ehemanns, mit dem das Opfer notabene laut eigenen Angaben seit der Trennung keinen Geschlechtsverkehr mehr gehabt hatte.

Wie dieses dahin gekommen sein soll, wollte der 42-jährige Beschuldigte, der die Aussage seiner Ehefrau per Video aus dem Anwaltszimmer verfolgte, nicht wissen. Er habe erst an diesem Abend von seiner Frau erfahren, dass sie die Scheidung möchte und sich daraufhin komplett betrunken. «Es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen», sagte er vor Gericht. Eineinhalb Flaschen Whiskey habe er zu sich genommen. Wie er ins Bett gekommen sei, könne er nicht mehr sagen. Er sagte:

«Das letzte, was ich weiss ist, dass ich mit meinen Händen um ihren Hals aufgewacht bin.»

Erschrocken habe er sofort von ihr abgelassen, seine Frau habe einen grossen Atemzug genommen und sei zu sich gekommen. Dass er seine Frau auch sexuell penetriert haben soll, daran könne er sich nicht erinnern, er habe ein komplettes Blackout gehabt.

Staatsanwaltschaft fordert 12 Jahre Gefängnis

Das nahm ihm die Staatsanwaltschaft aber nicht ab. Laut Hochrechnungen habe er zum Tatzeitpunkt höchstens 1,59 Promille Alkohol im Blut gehabt. Mit diesem Alkoholspiegel sei man angetrunken, aber längst nicht so betrunken, dass man sich an nichts mehr erinnern könne. Die Staatsanwaltschaft ging denn auch davon aus, dass der Beschuldigte seine Ehefrau habe töten wollen, um sich danach noch sexuell an ihr zu vergehen. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren.

Das Bezirksgericht Muri befindet sich im Südflügel des Klosters.

Das Bezirksgericht Muri befindet sich im Südflügel des Klosters.

Marc Ribolla
(9. März 2021)

Die Verteidigung hingegen mahnte, dass der Alkoholabbau beim Beschuldigten schneller von sich gehen könnte, als bei anderen Menschen. Der Pegel entsprechend deutlich höher gewesen sein könnte. Sie plädierte auf eine zumindest sehr stark verminderte Schuldfähigkeit bezüglich der versuchten Tötung. Bei der Schändung sah sie gar einen Freispruch, da keine Spermien in der Scheide des Opfers gefunden worden waren. Insgesamt beantragte der Anwalt eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten.

Nach eineinhalbstündiger Beratung verkündete das fünfköpfige Murianer Gesamtgericht um Präsident Markus Koch sein Urteil: Der Angeklagte wurde einstimmig in beiden Anklagepunkten für schuldig befunden und zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Zudem ordnete das Gericht eine ambulante Therapie an. Seiner Noch-Ehefrau hat er eine Genugtuung von 25'000 Franken zu bezahlen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und kann von allen Parteien an das Aargauer Obergericht weitergezogen werden.

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