Bezirksgericht
Freiämter raste mit Töff 46 km/h zu schnell durch Baustelle und kassiert eine saftige Busse

Mit 106 statt 60 km/h fuhr im Juni 2020 ein junger Motorradfahrer aus dem Freiamt durch das Baustellengebiet auf der Dietiker Überlandstrasse. Das Gericht wertet dies aber nicht als grobe Verkehrsregelverletzung.

Cynthia Mira
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Die Verhältnisse auf der Dietiker Überlandstrasse ändern sich immer wieder. So sah die Strasse im Bereich Niderfeld im September 2020 aus (hier in Blickrichtung Dietikon). Der Angeklagte war im Juni 2020 mit über 100 km/h durch dieses Gebiet gefahren.

Die Verhältnisse auf der Dietiker Überlandstrasse ändern sich immer wieder. So sah die Strasse im Bereich Niderfeld im September 2020 aus (hier in Blickrichtung Dietikon). Der Angeklagte war im Juni 2020 mit über 100 km/h durch dieses Gebiet gefahren.

David Egger

Er verliere seinen Job, wenn er schuldig gesprochen werde, führte der Angeklagte kürzlich vor dem Bezirksgericht Dietikon aus. «Es wäre ein Kündigungsgrund und sehr mühsam für mich.» Der 26-Jährige aus der Nähe von Wohlen verdient seine 4600 Franken im Monat als Chauffeur. In seiner Freizeit aber donnerte er im Juni 2020 mit einer Geschwindigkeit von 106 km/h statt den erlaubten 60 km/h über die Überlandstrasse. Kurz vor Mitternacht war er mit seinem Motorrad in Richtung Spreitenbach unterwegs. Er passierte die Baustelle und übersah gemäss eigenen Aussagen das Tempo-60-Schild. Er sagte:

«Ich ging davon aus, dass auf dem Abschnitt Tempo 80 gilt.»

Er habe sich ausserhalb von Dietikon befunden und das Schild nicht gesehen. Zudem zweifelte er an der Geschwindigkeit, die vom Lasermessgerät aufgezeichnet wurde. «Ich schaue immer, wie schnell ich unterwegs bin.» Die Messung erachtete sein Verteidiger als ungültig. Er sprach von fehlenden Daten, die bei einer Messung mit einem Radargerät eigentlich angegeben werden müssten. Aber der Bezirksrichter Benedikt Hoffmann sagte: «Die Regeln weichen bei der Kontrolle mit der Lasertechnik ab.»

Mit seinem Plädoyer hatte der Verteidiger keine Chance

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch. Falls es zu einem Schuldspruch komme, dann seien 600 Franken Busse fällig; der normale Betrag für das Überschreiten einer 80er-Zone mit 106 km/h. «Selbst die vorbeifahrenden Autos auf dem aufgezeichneten Video haben das Schild nicht genügend beleuchtet», sagte er.

Der Strassenabschnitt sei zudem auf einem Bild, das dem Beschuldigten vorgelegt wurde, nicht identisch mit der Ortsaufzeichnung der Polizei. Der Ort bei der angegebenen Hausnummer sei gar nicht möglich, da sich dieses Haus woanders befände. Diesen Fehler sah auch Hoffmann ein, aber:

«Es ist offensichtlich, dass hier ein Fehler bei der Hausnummer passiert ist.»

Der Ort sei identifizierbar und die unterschiedlichen Strassenbilder seien auf das Datum zurückzuführen. Das Street-View-Foto von Google stamme aus dem Jahr 2014.

Sämtliche Ausführungen des Verteidigers liess das Gericht nicht gelten

Sämtliche Ausführungen des Verteidigers liess das Gericht nicht gelten. Auch die Tatsache, dass das Verkehrsschild mehr als 2,5 Meter von der Strasse weg gestanden habe, sei legitim gewesen. «Wir haben uns das Video extra nochmals angeschaut», sagte Hoffmann in seiner Begründung des Urteils. Die Zahl 60 müsse auf dem Video nicht deutlich erkennbar sein, sondern von der Strasse aus. Das sei der Fall gewesen.

Einzig der Umstand, dass es Nacht war und kaum Verkehr hatte, milderte den Schuldspruch ab. Anstatt einer groben Verletzung der Verkehrsregeln gemäss Anklageschrift wurde der junge Mann der einfachen Verletzung der Verkehrsregeln schuldig gesprochen. «Bei einer groben Verletzung ist von einer besonderen Rücksichtslosigkeit und einer qualifizierten, abstrakten Gefahr auszugehen», so Hoffmann. Das sei in diesem Fall anders zu bewerten. «Die Sicht in der Nacht war gut und auf dem Video war für längere Zeit kein einziges Auto zu sehen.» Und dennoch:

«Es ist ein erhebliches Verschulden innerhalb der einfachen Verkehrsregelverletzung.»

Die Busse müsse weh tun. Der Verurteilte muss 3000 Franken zahlen. Zudem gehen Verfahrenskosten zu seinen Lasten. Die Staatsanwaltschaft hatte eigentlich eine bedingte Geldstrafe in der Höhe von 9000 Franken sowie 2000 Franken Busse gefordert.

Ob er seinen Führerausweis abgeben muss, ist Sache des Aargauer Strassenverkehrsamts, wie Hoffmann ausführte. Er könne es nicht ausschliessen.