Bezirksgericht Bremgarten
Mangelhafte Pflege einer Kuh? Freiämter Landwirt stand wegen angeblicher Tierquälerei vor Gericht

Ein Bauer soll bei einer Kuh einen Sehnenriss nicht behandelt und sie hohem Stress durch einen langen Transportweg ausgesetzt haben. Gegen diesen Vorwurf der Staatsanwaltschaft wehrte sich der Bauer vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

Toni Widmer
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Im Bremgarter Rathaus befindet sich auch das Bezirksgericht Bremgarten.

Im Bremgarter Rathaus befindet sich auch das Bezirksgericht Bremgarten.

Sandra Ardizzone (6.6. 2019)

«Ich bin kein Tierquäler. Kühe sind seit über 40 Jahren nicht nur mein Beruf, sondern meine Leidenschaft. Sonst würde ich nicht täglich um 6 Uhr aufstehen und weitgehend auf Ferien verzichten.» – Im «letzten Wort» vor dem Bezirksgericht Bremgarten erklärte der angeklagte Landwirt noch einmal, dass er sich keiner Schuld bewusst sei.

Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten hatte das in ihrem Strafbefehl vom 8. Januar anders gesehen. Sie warf dem Landwirt mehrere Verstösse gegen das Tierschutzgesetz vor und wollte ihn zu einer Busse von 1200 Franken, Übernahme der Verfahrenskosten sowie einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 140 Franken verurteilen. Dagegen erhob der Bauer Einspruch.

Osterfeiertage machten langen Transportweg notwendig

Was ist passiert? Der Landwirt hatte schon länger bemerkt, dass seine im Februar 2020 gekaufte Kuh am linken Hinterlauf eine Verletzung hatte: «Es war eine starke Kuh, die sich am Melkstand vor die Herde gedrängt hat und ihr so zeigen wollte, dass sie jetzt der Chef ist. Ich denke, dabei ist sie im Gerangel von anderen Tieren verletzt worden.»

Die Wunde hat der Bauer seinem Tierarzt gezeigt, der keine besonderen Massnahmen als nötig erachtete. In der Folge wurde die Verletzung gepflegt und immer wieder ausgewaschen. Der Bauer sagt:

«Antibiotika habe ich keine verabreicht. Das mache ich nur im Notfall. In der Regel versuche ich es mit alternativen Heilmethoden, das hat sich über die Jahre bewährt.»

Bei der besagten Kuh nicht. Sie sei zwar noch regelmässig mit den anderen Tieren auf die Weide gegangen, hätte gefressen und auch jeweils selber den Melkstand aufgesucht. Doch die Wunde sei nicht besser geworden, und schliesslich habe er sich schweren Herzens entschliessen müssen, das Tier schlachten zu lassen.

Das war am Ostermontag 2020. In der engeren Region hatte kein Schlachthof geöffnet, auf Empfehlung seines Viehhändlers wurde die Kuh deshalb zu einem Metzger ins Napfgebiet transportiert. «So weit habe ich zuvor noch nie ein Tier zum Schlachten geschickt, sondern immer auf möglichst kurze Transportwege geachtet», beteuerte der Landwirt in der Befragung durch Gerichtspräsidentin Corinne Moser.

Gerissene Achillessehne und deutliche Anzeichen von Stresshormonen

Stunden später fand der als Fleischschauer amtierende Tierarzt die Kuh im Schlachthof am Boden liegend vor. «Sie konnte nicht mehr aufstehen», erklärte er als Zeuge vor Gericht. Nach erfolgter Schlachtung diagnostizierte er neben einem Riss der Achillessehne am linken Hinterlauf auch einen zu hohen pH-Wert im Fleisch, was auf die Ausschüttung von Stresshormonen hindeutete.

Weiter wurde ein im Rückenmark versteckter Abszess gefunden. Das Fleisch der toten Kuh konnte nicht mehr in den Verkauf gebracht werden, es musste entsorgt werden. Dem Bauern entstand so ein Schaden von rund 2500 Franken.

Vor Gericht ging es darum, herauszufinden, ob überhaupt, und wenn ja, wie stark die festgestellten Verletzungen einer mangelhaften Betreuung und Pflege des Tieres zugeschrieben werden könnten. Den Abszess im Rückenmark habe der Bauer keinesfalls entdecken können, den Sehnenriss allenfalls aber schon, erklärte der als Zeuge geladene Fleischschauer und Tierarzt. Der erhöhte pH-Wert, sagte er weiter, sei für ihn ein klares Zeichen von Stress auf dem langen Transportweg.

Gericht folgte der Argumentation des Verteidigers

Der Verteidiger forderte einen Freispruch auf der ganzen Linie. Sein Mandant habe den verletzten Hinterlauf des Tiers nach bestem Wissen und Gewissen gepflegt, bis es nicht mehr gegangen sei. Er habe die Kuh auch seinem Tierarzt gezeigt, und wenn schon, dann hätte dieser einen allfälligen Sehnenriss entdecken müssen. Der lange Weg in den Schlachthof sei zwar bedauerlich, aber wegen der Osterfeiertage hätte es keine andere Möglichkeit gegeben.

Das Bezirksgericht Bremgarten konnte dieser Argumentation folgen: «Wir gehen davon aus, dass Sie den Sehnenriss nicht bemerkt haben. Sie haben unserer Ansicht nach die Kuh nach bestmöglichem Wissen gepflegt und sie ja auch dem Tierarzt gezeigt. Es ist davon auszugehen, dass Sie sich richtig verhalten haben», schloss Präsidentin Corinne Moser die Verhandlung vor dem Bezirksgericht.

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