Katastrophen im Aargau
Betriebs-Sanitäter: «Ich erschrecke noch heute bei jedem Knall»

Am 8. April 1969 explodierte die Sprengstoff-Fabrik Dottikon. Toni Natsch hat als Betriebs-Sanitäter nach dem Unglück Verletzte versorgt. Noch heute erschrickt er, wenn es unvermittelt «chlöpft».

Toni Widmer
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Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
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Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
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Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969
Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969

Explosion Sprengstofffabrik Dottikon 1969

Heinz Fröhlich

Beim grossen Knall vom 8. April 1969 in der Schweizerischen Sprengstoff-Fabrik Dottikon (SSF) war Betriebssanitäter Toni Natsch eben damit beschäftigt, einen Arbeitskollegen zu verarzten, der sich in den Finger geschnitten hatte. «Es gab einen riesigen Chlapf. Am Magazingebäude, in dem wir waren, wurden alle Fensterschreiben ins Innere gedrückt und mich selber schleuderte die Druckwelle fünf Meter weit weg.»

Natsch zog sich eine Kopfwunde zu und eine Verletzung an der Hand. «Im Gegensatz zu dem, was ich wenig später sah, war das nicht der Rede wert», erinnert sich der 81-Jährige. «Vor dem Gebäude lag ein Arbeitskollege im Schutt, das linke Bein abgetrennt, die Finger der linken Hand zerfetzt. Ich beugte mich zu ihm und sprach ihn an. Er war bei klarem Verstand, hat gesagt: ‹Fertig Pulveri› und mir das Testament diktiert.» Dieses, erzählt Natsch weiter, hätte der Kollege dann mit blutender und verstümmelter Hand unterschrieben.

Was damals geschah: Die Explosion

Der Chlapf um 7.17 Uhr war im Umkreis von 15 bis 20 Kilometern zu hören. Durch die Druckwelle der gewaltigen Explosion wurden am Osterdienstag, 8. April 1969, über 1300 Gebäude in Dottikon, Dintikon, Hägglingen, Villmergen und Wohlen beschädigt. Auf dem Firmengelände der Sprengstoff-Fabrik Dottikon (SSF) lag kein Stein mehr auf dem anderen. Die Gebäudeversicherung bezifferte den Gesamtschaden auf rund 8,5 Mio. Franken.

Acht zum Teil schwer verletzte Personen wurden mit Militärambulanzen ins Kantonsspital Aarau gefahren, elf ins Regionalspital Muri geführt. Über zwei Dutzend weitere Verletzte betreuten die Sanitäter direkt vor Ort.

Über die Zahl der Toten gab es unmittelbar nach dem Unglück vorerst keine zuverlässigen Angaben. Viele der rund 400 Angestellten hatten das Gelände im ersten Schock fluchtartig verlassen. Sie waren nach Hause zurückgekehrt oder irrten irgendwo in der Gegend umher. Die wahre Tragödie zeigte sich am Tag danach. War am Dienstagabend von offizieller Stelle von 9 Toten gesprochen worden, erhöhte sich diese Zahl auf 18 Personen. Betroffen waren Angestellte der «Pulveri», wie die SSF genannt wurde, aber auch Handwerker, die im Auftrag von Fremdfirmen dort gearbeitet hatten.

Die Ursache des Unglücks konnte nicht restlos geklärt werden, die Untersuchungen dazu wurden eingestellt. Vermutet wird eine Fehlmanipulation mit flüssigem Trotyl. Dieser Sprengstoff ist an sich nicht gefährlich. Er kann nur mithilfe eines Zünders zur Explosion gebracht werden. In der SSF war damals der Betrieb über die Ostertage unterbrochen. Möglicherweise hat sich dabei in einem Tank mit flüssigem Trotyl eine Vergasung gebildet und dadurch der Abfluss verstopft. Es wird angenommen, dass Arbeiter diese Verstopfung mit einer Eisenstange lösen wollten und es dabei zu einem Funken und damit zur verheerenden Explosion gekommen ist. (to)

Arzt auf der Durchfahrt half mit

Er habe alles unternommen, damit der schwer verletzte Kollege nicht verblute. Zum Glück sei bald ein Arzt vor Ort gewesen: «Er kam von Biel, war auf der Durchfahrt und ist uns zu Hilfe geeilt.» Natschs Kollege hat überlebt und trotz amputiertem Bein und kaputter Hand bis zur Pensionierung in der SSF gearbeitet.

Bald seien weitere Ärzte vor Ort gewesen und hätten zusammen mit den Samaritervereinen aus den umliegenden Gemeinden sowie zahlreichen Militärsanitätern die vielen Verletzten betreut. Der Betriebssanitäter fuhr später als Betreuer in einer Militärambulanz mit ins Spital Muri: «Viele verletzte Kollegen waren vom Ereignis stark geschockt und konnten kaum mehr ihren eigenen Namen sagen. Ich habe alle gekannt und im Spital die nötigen persönlichen Angaben machen können.»

Von Medienleuten bedrängt

Als er vom Spital auf das Betriebsgelände zurückkam, wurde er von Medienleuten aufgehalten und um ein Statement gebeten: «Ich wehrte vorerst ab, weil ich mich nicht dazu imstande fühlte, irgendetwas Kluges von mir zu geben. Doch man liess mich nicht in Ruhe und so habe ich ein Interview gegeben. Es war nicht besonders gut. Ich war total aufgewühlt und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.»

Auch eigene Wohnung verwüstet

Irgendwann kam Toni Natsch nach Hause. «Meine Frau und meine Schwiegermutter, die damals zu Besuch bei uns weilte, waren sehr froh, mich endlich zu sehen. Sie hatten bis dahin nicht gewusst, ob und allenfalls wie schwer ich verletzt war.» Die Familie wohnte rund 400 Meter von der «Pulveri» entfernt in einem Mehrfamilienhaus. Auch das war stark beschädigt: «Alle Fenster waren eingedrückt, in den Möbeln steckten Glassplitter.»

Eine Woche blieb Natsch daheim. «Ich ging keinen Schritt aus dem Haus und versuchte, das Geschehene zu verarbeiten. Es gab keine Care-Teams wie heute. Man musste mit dem Ereignis selber fertig werden. Das war nicht so einfach.»

Das grosse Aufräumen danach

In der Firma war die Absenz kein Thema. «Wie ich waren viele Kollegen der Arbeit ein paar Tage fern geblieben. Man war froh, wenn wir zurückkamen und das Ereignis einigermassen verdaut hatten.» Jetzt begann das grosse Aufräumen. Auf dem grossen Firmenareal war kein Gebäude unversehrt, überall lagen Trümmer. «Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es hat sicher zwei Monate gedauert, bis wir wieder produzieren konnten», blickt Natsch zurück. Begleitet wurden die Aufräumarbeiten von Heerscharen von Schaulustigen: «Am Wochenende gab es jeweils ein richtiges Verkehrschaos in Dottikon. Die Leute kamen von überall her, um zu gaffen.»

Beim Wiederaufbau sei der Betriebssicherheit höchste Priorität eingeräumt worden. «Die Anlagen wurden nach den neusten Standards wieder aufgebaut und waren deutlich sicherer als vorher», sagt Natsch. Dennoch liessen sich Unfälle nie ganz vermeiden. Natsch, der bis zur Pensionierung in der Firma blieb, war noch mehrmals auch mit schwereren Vorfällen konfrontiert. Diese hat er verdaut. Das Unglück von 1969 nicht: «Ich erschrecke noch heute, wenn es unvermittelt chlöpft. Dann kommt vieles von damals wieder hoch.»

Link zu einer Retrospektive des Schweizer Fernsehens mit Original-Filmausschnitten von 1969

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