Beim grossen Knall vom 8. April 1969 in der Schweizerischen Sprengstoff-Fabrik Dottikon (SSF) war Betriebssanitäter Toni Natsch eben damit beschäftigt, einen Arbeitskollegen zu verarzten, der sich in den Finger geschnitten hatte. «Es gab einen riesigen Chlapf. Am Magazingebäude, in dem wir waren, wurden alle Fensterschreiben ins Innere gedrückt und mich selber schleuderte die Druckwelle fünf Meter weit weg.»

Natsch zog sich eine Kopfwunde zu und eine Verletzung an der Hand. «Im Gegensatz zu dem, was ich wenig später sah, war das nicht der Rede wert», erinnert sich der 81-Jährige. «Vor dem Gebäude lag ein Arbeitskollege im Schutt, das linke Bein abgetrennt, die Finger der linken Hand zerfetzt. Ich beugte mich zu ihm und sprach ihn an. Er war bei klarem Verstand, hat gesagt: ‹Fertig Pulveri› und mir das Testament diktiert.» Dieses, erzählt Natsch weiter, hätte der Kollege dann mit blutender und verstümmelter Hand unterschrieben.

Arzt auf der Durchfahrt half mit

Er habe alles unternommen, damit der schwer verletzte Kollege nicht verblute. Zum Glück sei bald ein Arzt vor Ort gewesen: «Er kam von Biel, war auf der Durchfahrt und ist uns zu Hilfe geeilt.» Natschs Kollege hat überlebt und trotz amputiertem Bein und kaputter Hand bis zur Pensionierung in der SSF gearbeitet.

Bald seien weitere Ärzte vor Ort gewesen und hätten zusammen mit den Samaritervereinen aus den umliegenden Gemeinden sowie zahlreichen Militärsanitätern die vielen Verletzten betreut. Der Betriebssanitäter fuhr später als Betreuer in einer Militärambulanz mit ins Spital Muri: «Viele verletzte Kollegen waren vom Ereignis stark geschockt und konnten kaum mehr ihren eigenen Namen sagen. Ich habe alle gekannt und im Spital die nötigen persönlichen Angaben machen können.»

Von Medienleuten bedrängt

Als er vom Spital auf das Betriebsgelände zurückkam, wurde er von Medienleuten aufgehalten und um ein Statement gebeten: «Ich wehrte vorerst ab, weil ich mich nicht dazu imstande fühlte, irgendetwas Kluges von mir zu geben. Doch man liess mich nicht in Ruhe und so habe ich ein Interview gegeben. Es war nicht besonders gut. Ich war total aufgewühlt und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.»

Auch eigene Wohnung verwüstet

Irgendwann kam Toni Natsch nach Hause. «Meine Frau und meine Schwiegermutter, die damals zu Besuch bei uns weilte, waren sehr froh, mich endlich zu sehen. Sie hatten bis dahin nicht gewusst, ob und allenfalls wie schwer ich verletzt war.» Die Familie wohnte rund 400 Meter von der «Pulveri» entfernt in einem Mehrfamilienhaus. Auch das war stark beschädigt: «Alle Fenster waren eingedrückt, in den Möbeln steckten Glassplitter.»

Eine Woche blieb Natsch daheim. «Ich ging keinen Schritt aus dem Haus und versuchte, das Geschehene zu verarbeiten. Es gab keine Care-Teams wie heute. Man musste mit dem Ereignis selber fertig werden. Das war nicht so einfach.»

Das grosse Aufräumen danach

In der Firma war die Absenz kein Thema. «Wie ich waren viele Kollegen der Arbeit ein paar Tage fern geblieben. Man war froh, wenn wir zurückkamen und das Ereignis einigermassen verdaut hatten.» Jetzt begann das grosse Aufräumen. Auf dem grossen Firmenareal war kein Gebäude unversehrt, überall lagen Trümmer. «Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es hat sicher zwei Monate gedauert, bis wir wieder produzieren konnten», blickt Natsch zurück. Begleitet wurden die Aufräumarbeiten von Heerscharen von Schaulustigen: «Am Wochenende gab es jeweils ein richtiges Verkehrschaos in Dottikon. Die Leute kamen von überall her, um zu gaffen.»

Beim Wiederaufbau sei der Betriebssicherheit höchste Priorität eingeräumt worden. «Die Anlagen wurden nach den neusten Standards wieder aufgebaut und waren deutlich sicherer als vorher», sagt Natsch. Dennoch liessen sich Unfälle nie ganz vermeiden. Natsch, der bis zur Pensionierung in der Firma blieb, war noch mehrmals auch mit schwereren Vorfällen konfrontiert. Diese hat er verdaut. Das Unglück von 1969 nicht: «Ich erschrecke noch heute, wenn es unvermittelt chlöpft. Dann kommt vieles von damals wieder hoch.»

Originalbericht des Schweizer Fernsehens vom 8. April 1969

Link zu einer Retrospektive des Schweizer Fernsehens mit Original-Filmausschnitten von 1969