Abtwil

Betreibungsamt versteigert Immobilien: «Dahinter stecken oft Tragödien»

Mindestpreis 540'000 Franken, betreibungsamtliche Schätzung 707'000 Franken, zugeschlagen für 680000 Franken: Teil eines Zweifamilienhauses in Abtwil.

Mindestpreis 540'000 Franken, betreibungsamtliche Schätzung 707'000 Franken, zugeschlagen für 680000 Franken: Teil eines Zweifamilienhauses in Abtwil.

Das Regionale Betreibungsamt versteigerte ein Einfamilienhaus mit Garage und Carport.

Draussen auf dem Parkplatz steht ein weisser Elektro-BMW i3, angeschrieben mit «Zuger Kantonalbank». Drinnen, in einem Teil des Säli des Gasthauses zum Weissen Kreuz, sind die Tische festlich gedeckt, im andern ein paar Stuhlreihen aufgestellt. An diesem Nachmittag wird das Einfamilienhaus, Garage und Carport Nr. 351 in Abtwil versteigert, betreibungsamtliche Schätzung Fr. 707'000. «Die Zuger Kantonalbank hat die Liegenschaftsverwertung nicht angestossen», sagt Josef Sachs, Leiter des Betreibungsamtes Abtwil, vor den rund 20 versammelten Personen. Er sitzt, zusammen mit seiner Stellvertreterin Sandrina Keller und der Mitarbeiterin Carmen von Gunten, an einem langen Tisch vor den Stuhlreihen. Die Sonne scheint durch die Fenster, Kaufinteressenten müssen Identitätskarte oder Pass zeigen und erhalten eine Nummer zum Bieten. Alle, die hier mitsteigern wollen, haben 50'000 Franken im Sack – entweder bar oder in Form eines unwiderruflichen Zahlungsversprechens.

Schritte von 1000 Franken

«Das ist ja still wie an einer Beerdigung», sagt der Stuhlnachbar zur Linken. Ausser dem gelegentlichen Scharren eines Stuhlbeins ist vorerst nichts zu hören. «Früher», sagt der Abtwiler Gemeindeammann Stefan Balmer zur Rechten, «sind hier in diesem Säli Jagdreviere verpachtet worden.» Um die Zuger, schon damals mit viel Geld gesegnet, bauernschlau auszutricksen, sei die Kirchenuhr jeweils etwas vorgestellt worden – und die Versteigerung nach der Zeit am Glockenturm durchgeführt worden. «Nach dreimaligem Aufruf wird die Liegenschaft dem Höchstbietenden zugesprochen», macht Sachs klar. «Mindestpreis ist 540'000 Franken, die Erhöhungsschritte müssen mindestens 1000 Franken sein.» Er erklärt die Steigerungsmodalitäten, unter anderem, dass nach der Ersteigerung sofort 50'000 Franken fällig sind. Wird innert 10 Tagen danach vom Meistbietenden nicht der volle Preis bezahlt, kommt es zu einer neuerlichen Versteigerung. Die Kosten dafür übernimmt der säumige Zahler von der ersten Versteigerung. «Ein Depot von 50'000 Franken wäre ja da», sagt Sachs.

Sieben haben eine Nummer geholt, haben also die Absicht, die Liegenschaft zu kaufen. Effektiv beteiligen sich fünf Personen, wobei sich die Nummer eins und die Nummer vier gegen Schluss einen Kampf liefern. Nummer 4 rundet jeweils auf die nächste 10'000 Franken auf, Nummer eins geht jeweils nur um einen Tausender höher. Am Schluss gehört die Liegenschaft dem Herrn mit der Nummer 4 für 680'000 Franken. Er überreicht Sepp Sachs ein dickes Couvert. Am Nebentisch zählt der Leiter des regionalen Betreibungsamtes die Tausendernötli. 50 müssen es sein. «Stimmt», ruft Sachs Sandrina Keller zu. «Ich wünsche Ihnen viel Glück mit Ihrer Liegenschaft», sagt er zum Käufer. Jetzt gilt es nur noch, die Formalitäten zu erledigen. Die Versteigerung ist zu Ende, die Leute verlassen das «Weisse Kreuz», darunter auch die vorherigen Besitzer der Liegenschaft.

Viele Gründe

«Hinter solchen Versteigerungen stecken oft Tragödien», weiss Sachs. Man könne auch durch unglückliche Umstände in die Schulden geraten. «Die meisten Leute wollen ihre Rechnungen schon bezahlen, aber manchmal gelingt es ihnen einfach nicht mehr». Eine Scheidung, unglücklicher Geschäftsgang, ein Schicksalsschlag – nicht immer ist ein Leben über den eigenen Verhältnissen Grund dafür, dass der Betreibungsbeamte anklopft. Das Ziel von ihm und seinem Team ist es, beitreibungsamtliche Aufgaben korrekt, aber einfühlsam zu erfüllen. «Wir sind meistens nicht die Ersten, die Druck machen.» Auf der Website www.betreibungsamt-ag.ch, Rubrik Versteigerungen, kann man einsehen, was alles unter den Hammer kommt. Aktuell sind es vier Liegenschaften und drei Autos. «Die Gründe und Schicksale dahinter sieht man an einer Versteigerung nicht», stellt Sachs sachlich fest. Das Einfamilienhaus in Abtwil verzeichnete auf der Website 4607 Aufrufe.

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