Muri

Besseres Leben in der Ferne: Auch Freiämter waren einst Flüchtlinge

In der Regel kam ein Auswanderungsschiff – die Aufnahme stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert – selten ohne Verluste ans Ziel.AKG-Images

In der Regel kam ein Auswanderungsschiff – die Aufnahme stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert – selten ohne Verluste ans Ziel.AKG-Images

Vor 200 Jahren, 1816, setzte aus wirtschaftlicher Not die erste Auswanderungswelle ein. Auch mancher Murianer verliess aus zumeist wirtschaftlichen Gründen seine Heimat auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand.

Heute stranden Flüchtlinge aus Afrika oder Südosteuropa auch an der Schweizer Grenze. Vor 200 Jahren haben zahlreiche Schweizer aus wirtschaftlicher Not ihr Glück in der Ferne gesucht, zumeist in Amerika. Auch aus dem Bezirk Muri.

«Wie überall haben in erster Linie wirtschaftliche Gründe die Murianer und alle andern Auswanderer veranlasst, eine neue Heimat zu suchen, in der sie, so nahmen sie es wenigstens an, menschenwürdiger leben und mehr verdienen konnten als in den ärmlichen Verhältnissen zu Hause», hat der Murianer Lokalhistoriker Hugo Müller in einer Arbeit 1986 festgehalten. Heute würde man diese Murianer wohl Wirtschaftsflüchtlinge nennen.

Lebensmittelknappheit

1816 und 1817 waren geprägt von einer Lebensmittelknappheit, hervorgerufen durch schlechte Witterungsverhältnisse. Das führte dazu, dass «sich die Blicke der Notleidenden nach dem gepriesenen Überfluss jenseits des Atlantiks richteten», wie Müller schreibt.

Allerdings sei die Auswanderung wenig bemittelten Leuten 1916 zum Verhängnis geworden, «da sie von Holland aus, Amsterdam war zuerst der wichtigste Auswanderungshafen, keine Passagegelegenheit fanden, schon gar nicht auf Kredit, wie sich das viele vorgestellt hatten».

Am 18. Januar 1817 schrieb Oberamtmann Peter Leonz Strebel von Muri nach Aarau: «Seit Anfang Jahr wird in hiesiger Gegend die Auswanderungsbegierde nach Nordamerika unter jener Klasse verbreitet, die durch Not an Lebensunterhalt und Mangel an Erwerbsquellen zu diesem Entschluss verleitet werden und die durch keine Vorstellung bis dahin zurückgebracht werden konnten: Ihre Gründe sind die Not und trübe Aussichten für die Zukunft.»

Die ihm bekannten Auswanderungswilligen waren alle verheiratet, hatten Kinder und konnten das Reisegeld schwerlich aufbringen. Im Aargau bildeten sich Auswanderungsvereine unter der Leitung erfahrener Männer.

Erleichterte Behörden

Es sei klar, hält Müller in seiner Arbeit fest, «dass nicht nur vom Hunger geplagte Menschen oder Abenteurer, die ihr Glück in einer unbekannten Welt suchen wollten, sondern auch arbeitsscheue Elemente, Schuldner, Falliten, Luftibusse, Lebensuntüchtige usw. von der Neuen Welt erhofften, was sie zu Hause nicht fanden». Sogar die Behörden seien erleichtert gewesen, wenn sie solche Elemente in ein Land abschieben konnten, von dem es nur schwer eine Rückkehr gab.

Es gab weitere Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert. 1866 schrieb die Aargauer Regierung: «Die Auswanderung hat um 131 Personen gegen das Vorjahr abgenommen. Dessen ungeachtet scheinen doch immer noch Leute das Vaterland zu verlassen und in fernen Weltteilen ihr Glück suchen, die besser daheim blieben.»

Zwischen 1851 und 1860 kehrten 9513 Aargauer ihrer Heimat den Rücken, 231 stammten aus dem Bezirk Bremgarten, 200 aus dem Bezirk Muri. 1854 war das Jahr mit der grössten Auswanderung aus dem Aargau überhaupt: 2965 Personen gingen – einer beschwerlichen Reise entgegen. «Die Dauer der Reise schwankte gewaltig und hing von der Witterung ab. Die an Meerfahrten ungewohnten Auswanderer litten bei Sturm bald fürchterlich unter der Seekrankheit. In der schlechten Luft unter Deck konnten leicht Krankheiten ausbrechen. In der Regel kam ein Auswanderungsschiff selten ohne Verlust in der Neuen Welt an.»

Dort blieben die Menschen im Ausschiffungshafen oft stecken. Die amerikanische Regierung schrieb 1855 dem Bundesrat, dass sowohl in der Presse als auch bei den staatlichen Instanzen laute Klage erhoben werde, diese Leuten würden «die Häfen der Union anfüllen und den amerikanischen Behörden zur Last fallen».

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