Eigentlich könnten sie frohlocken: Das Berufsbildungszentrum Freiamt (bbz) ist Teil des vom Regierungsrat gestern präsentierten Standortkonzepts Berufsfachschulen – die Berufsschule im südlichsten Kantonsteil hat Zukunft.

Doch Philippe Elsener, der Rektor des bbz, und Paul Huwiler, der Präsident des Schulvorstandes, haben den Entscheid mit gemischten Gefühlen aufgenommen: «Wir verlieren mit dem neuen Konzept die gewerblich-industrielle Abteilung, die seit bald 130 Jahren in Wohlen zu Hause ist. Das schmerzt ausserordentlich», erklärten Elsener und Huwiler unisono.

Entscheid hat sich abgezeichnet

Der Entscheid kam allerdings nicht überraschend. Der gewerblich-industrielle Teil im bbz Freiamt ist seit Jahren stark rückläufig. 1989 waren es noch über 700 Lernende, die das damalige GIP in Wohlen besucht haben, aktuell sind es noch knapp 270. Das hat einerseits damit zu tun, dass der Kanton zwischenzeitlich verschiedene attraktive Berufsfelder aus dem Freiamt abgezogen und anderen Schule zugeteilt hat.

Anderseits haben traditionelle Berufe wie Bäcker und Metzger, die seit Urzeiten am bbz ausgebildet worden sind, stark an Attraktivität eingebüsst: «Im Schuljahr 2006/07 haben wir noch je zwei Metzger- und Bäcker/Konditorklassen geführt. Aktuell gibt es noch eine Klasse mit rund 20 Fleischfachleuten und eine Bäckerklasse mit vier bis fünf Lernenden», erklärt Philippe Elsener. In beiden Berufsfeldern sei der Einbruch in den vergangenen Jahren frappant und völlig gegenläufig zum kantonalen Berufsbildungstrend: «Von 2003 bis 2017 haben die gewerblichen Berufslernenden im Kanton um 19% zugenommen, laut Prognosen wird es bis 2040 eine weitere Steigerung um 18% geben. Bei den Fleischfachleuten und Bäckern im bbz hingegen hat sich die Zahl der Lernenden von 2003 bis 2017 um 25% verringert», verdeutlicht Paul Huwiler anhand der Statistik.

Leider keine neuen Berufe

Die Verantwortlichen des bbz hätten dieser Entwicklung keineswegs tatenlos zugeschaut, sagt Huwiler weiter: «Uns war klar, dass ein Weiterbestehen der gewerblichen Abteilung nur dann möglich ist, wenn weitere Berufsfelder in Wohlen angesiedelt werden können. Wir haben auch immer wieder entsprechende Anstrengungen unternommen und dabei gegenüber dem Kanton betont, dass eine Entlastung der grossen Zentren durchaus Sinn machen würde. Doch leider haben wir dabei stets gegen Windmühlen gekämpft.»

Rektor Philippe Elsener windet diesbezüglich besonders den Lehrkräften der gewerblich-industriellen Abteilung ein Kränzchen: «Was unsere Lehrpersonen trotz der permanenten Standortunsicherheit über all die Jahre geleistet haben und immer noch leisten, verdient grösste Anerkennung. Sie haben nicht nur stets einen qualitativ hochstehenden Unterricht garantiert, sondern ihren Beruf topmotiviert, mit grosser Moral und riesigem Engagement für ihre Schülerinnen und Schüler gelebt.» Die Schulleitung, sagt Elsener weiter, habe sich auf ihre Loyalität und Professionalität stets verlassen können, auch beim Umsetzen von Neuerungen und Projekten.

Was passiert mit diesen Lehrkräften ab 2020/21? Das neue Konzept soll laut Regierungsrat bereits im übernächsten Schuljahr greifen. Werden sie arbeitslos? «Nein», versichert Elsener, «wir sind zuversichtlich, dass sie in Zofingen, wo Landmaschinenmechaniker und Maurer unterrichtet werden, sowie in Aarau, wohin Bäcker und Metzger abwandern, tätig werden können.» Huwiler doppelt nach: «Vorstand und Schulleitung werden sich dafür einsetzen, dass für alle Lehrkräfte aus dem gewerblich-industriellen Bereich sinnvolle und verträgliche Lösungen gefunden werden.»

Es bleibt wenig Zeit

In 14 Monaten ist das bbz Freiamt ein Kompetenzzentrum für kaufmännische Berufe. Ist das zu schaffen? «Wir werden alle organisatorischen und konzeptionellen Fragen unverzügliche angehen, sobald der heute publizierte Entscheid definitiv ist», erklären Paul Huwiler und Philippe Elsener. Es gäbe einiges zu tun, es bleibe wenig Zeit und zudem sei noch vieles offen. Man werde diese Aufgaben mit grosser Motivation anpacken und die sich bietende Zukunftschance nützen.