Zum Todestag
Bekannt wurde der Wohler mit seinen Radioplaudereien: Robert Stäger - sein Sohn hat sich auf Spurensuche begeben

Am Mittwoch jährt sich der Todestag von Robert Stäger zum 40. Mal. Sein Sohn Lorenz Stäger hat die Türen des Wohler Archivs geöffnet.

Nathalie Wolgensinger
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Für die «Aargauer Zeitung» gibt Lorenz Stäger Einblick in das umfangreiche Archiv seines Vaters Robert.

Für die «Aargauer Zeitung» gibt Lorenz Stäger Einblick in das umfangreiche Archiv seines Vaters Robert.

Severin Bigler

Corona schreibt auch schöne Geschichten. Nämlich die von Lorenz Stäger, der dank des Lockdowns im Frühling endlich Zeit und Musse fand, das umfangreiche Archiv seines Vaters zu sichten. Im Keller seines Wohnhauses an der Wohler Bahnhofstrasse reihen sich in drei Aktenschränken Bundesordner an Bundesordner. Viele Stunden lang blätterte er durch die Notizen, Zeitungsartikel und Briefe seines Vaters und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: «Ich bin überrascht von der Vielfalt. Mein Vater war ein absolut akribischer Sammler.»

Das ganze Leben in Notizen festgehalten

Robert Stäger wurde 1902 in Villmergen geboren. Wäre es nach seinem Vater gegangen, hätte er einst die elterliche Färberei übernehmen sollen. Doch der wissbegierige junge Mann wollte mehr. Nach einigen Jahren im väterlichen Betrieb wurde seinem Wunsch stattgegeben, er holte die Matura nach und studierte in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Später unterrichtete er an der Wohler Bez. Er starb am 27. Januar 1981.

Bekannt wurde Robert Stäger mit seinen Radioplaudereien, die er mit «liebi Lüüt, wo iez grad losid» begann. Während mehr als dreissig Jahren unterhielt er mit seinen Geschichten das Publikum am Lautsprecher. Nebenher schrieb er Feuilletons für verschiedenen Zeitungen, arbeitete an lokalhistorischen Texten und redigierte den «Freiämter Kalender». Doch das bildet nur einen Bruchteil seines Werkes ab. «Er war ein Fotograf, der schreibt», beschreibt sein ältester Sohn Lorenz Stäger. Sein Vater habe immer und überall Notizen gemacht und so seinen Alltag festgehalten. «Damals war eine Fahrt nach Chur noch eine grosse Sache. Und seine Notizen darüber zeigen dies eindrücklich auf», nennt er ein Beispiel.

Beim Durchforsten des Archivs wurde Lorenz Stäger erst bewusst, dass sein Vater wöchentlich Vorträge in der näheren und weiteren Region hielt. Er liebte das Freiamt, das spricht auch aus seinen unzähligen Gedichten, die er in Freiämter Mundart verfasste. Doch dabei liess er es nicht bewenden.

Er besuchte jede Gemeinde im Freiamt und beschrieb sie. «Er hat unglaublich viel gemacht», schwärmt der 78-jährige Stäger. Nebst vier Büchern veröffentlichte er unzählige Artikel in beinahe allen Schweizer Tageszeitungen. Alle diese Artikel, Gedichte, Notizen und Briefe legte er feinsäuberlich in den braunen Bundesordnern ab.

Ordnung gemacht und viel Neues gefunden

Dass das Archiv im Keller seines Einfamilienhauses eine wahre Fundgrube an Geschichten ist, wurde dem pensionierten Gymnasiallehrer bewusst, als er sich mit der Lebensgeschichte des «Hawaii Lunzi» befasste. Lunzi wuchs in Villmergen auf, Lorenz Stäger kannte ihn aus den Erzählungen seines Vaters. Auf der Suche nach Spuren des Lebemannes musste er nicht weit reisen. Er fand praktisch alle Informationen für sein Buch im Archiv im Keller.

Beim Durchforsten der Bundesordner fiel ihm auf, dass teilweise eine Unordnung herrschte. «Mein Vater war die letzten Jahre seines Lebens dement. Während dieser Phase hat er wohl so einiges durcheinandergebracht», kommentiert er diesen Umstand. Das hat er nun in Ordnung gebracht.

Den Familiengeheimnissen auf der Spur

Und dabei hat er auch einiges über seine weitverzweigte Familie gelernt. «Bisher kannte ich bloss den männlichen Teil des Stammbaums», nennt er ein Beispiel. Im Archiv stiess er auf die Biografien seiner Urgrossmütter und erfuhr Dinge, die damals als Familiengeheimnis unter dem Deckel gehalten wurden. Unter anderem stiess er auf die Geschichte seines Grossonkels, der schwerer Epileptiker war. «Man wies ihn mit 22 Jahren in eine Anstalt ein, aus der er zeitlebens nicht mehr rauskam», erzählt er. Diese und noch einige mehr merkte sich Lorenz Stäger. Es sei gut möglich, dass er diese einst veröffentlichen werde, kündigt der Schriftsteller an. Den passenden Titel hat er bereits gefunden: «Das Archiv».

Einige der Trouvaillen aus Stägers Archiv werden jeweils samstags in der Aargauer Zeitung veröffentlicht.