Serie (1)
«Beinahe-geschichtlich Wahres»: Wer genug Stadtberger intus hat, sieht den Esel

Der Nachtwächter Gläsanti erzählt im Freiämter Kalender aus dem Jahr 1979, wie die Bremgarter einen Maler übers Ohr hauen wollten, es misslang und man die Bürger deshalb Esel nannte. Diesen Esel sieht man heute noch – in der Fasnachtszeit.

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Süss, diese Esel! Die Bremgartner waren einst wohl anderer Meinung... Archiv

Süss, diese Esel! Die Bremgartner waren einst wohl anderer Meinung... Archiv

Claudio Thoma

«Wisst ihr, warum man die Bremgarter Bürger ‹Esel› nennt?», fragte demnach Nachtwächter Gläsanti an einem Schmutzigen Donnerstag. Er sass mit anderen Bremgarter Stadtoriginalen auf der Lügenbank, einer langen grünen Bank am Promenadeneingang. Die Anwesenden gehörten zu den bestinformierten Bürgern der Stadt, doch keiner wusste eine Antwort.

So erklärte Gläsanti: Die Bremgarter hätten sich sehr für Kunst interessiert. Besonders geehrt seien sie gewesen, wenn sie über den Winter Maler, Musiker und Bildhauer beherbergen konnten. So überwinterte einmal ein armer Kunstmaler. Man erteilte ihm den Auftrag, den Einzug in Jerusalem an die Mauer des Bollhauses zu malen. Der Bürgerrat hatte aber keine Absicht den Maler zu bezahlen. Man dachte: «Wenn er die Herberge nicht bezahlen kann, kommen wir so auf unsere Rechnung.»

Der Künstler malte das Bild mit leuchtenden Farben, erzählte der Gläsanti weiter. Von den Kunstkennern der Stadt wurde es als wohlgelungen bezeichnet. Man freute sich, dass man so billig zu einem schönen Gemälde kam. Der Maler aber hatte gemerkt, dass man versuchte, ihn übers Ohr zu hauen. Er wollte derjenige sein, der am Schluss lacht. Deshalb hatte er das Werk mit wasserlöslicher Farbe gemalt. Als beim nächsten Sturm der Regen gegen das Bollhaus peitschte, löste sich das Bild von der Mauer. Nur der Esel blieb stehen, denn er war mit wetterfester Farbe gemalt. Den Stadtvätern blieb nur, den Esel entfernen zu lassen. Das Geschehene machte schnell die Runde. «Von diesem Tag an wurden die Bremgarter Bürger ‹Esel› genannt», versicherte der Gläsanti.

Im Archiv gestöbert

In der neuen Serie «Im Archiv gestöbert» pickt die AZ Freiamt aus alten Freiämter Kalendern, Villmerger Blättern oder ähnlichen Veröffentlichungen schöne Geschichten heraus, bei denen es sich lohnt, sie auch Jahrzehnte später wieder einmal zu erzählen.

«Und wenn sich die Behörde noch so viel Mühe machte, die Spuren des Esels zu verwischen, sie sind halt doch geblieben bis zum heutigen Tag», steht es im Kalender. Besonders in der Zeit zwischen Schmutzigem Donnerstag und Aschermittwoch sehe man den Esel gut. «Jedoch muss man sich, um das Bild deutlich zu erkennen, das nötige Quantum Stadtberger einverleibt haben, und wer zu viel von diesem edlen Bürgersaft erwischt hat, sieht das langohrige Wappentier sogar doppelt.»

Freiämter Sage

Wie die Bremgarter zu «Eseln» wurden

Auch in den Freiämter Sagen wird beschrieben, dass die Bremgarter Bürger als Esel betitelt worden seien. Nur die Begründung ist hier etwas anders:

«Im Städtchen wurde ehemals am Palmsonntag ein hölzerner Esel auf einem Rollengestelle in Prozession herumgezogen. Er war behangen und bemalt mit dem Standeswappen der Acht alten Orte (Kantone); die Stadtjugend in übergestülpten Hemden marschierte singend ihm voran, hinter ihm folgte der gesammte Stadtrath mit Schultheiss und Weibel, alles in Degen und Hut, mit Mantel und Gerichtsstab.

Bei einer solchen Feierlichkeit fand sich einmal das Strassenpflaster in üblem Zustande, der Esel auf seinem Rollkarren war auch nicht mehr jung und so stürzte er trotz des Grases, das man in die Strassenlöcher frisch gestreut hatte, mitten im Zuge um und sein schlecht geleimter Schwanz fiel ihm aus. Aber die Jungen stellten ihn schnell wieder zurecht, auch der hinter drein folgende Schultheiss verlor die Fassung nicht, hob den Schwanz auf, zog ihn am obern Ende durch den Mund und streckte ihn wohlbenetzt wieder in den dafür allein schicklichen Ort. Das heisst Eile mit Weile. Als aber das Städtchen der Reformation beitrat, warf es neben andern Heiligenbildern auch diesen Palmesel in die Reuss.»

Danach sei der Esel nach Mellingen geschwemmt worden, wo ihn die Katholiken herausfischten in der Kirche aufstellten. Den Reformierten passte das gar nicht. Der Metzger Halter, der zu den «Neugläubigen» gehörte, schnitt dem Esel den Kopf ab und warf ihn wieder ins Wasser. Von da an soll der Metzger an seinem grossen Kopf zu erkennen gewesen sein. (aw)

Quelle: Ernst Ludwig Rochholz, «Schweizersagen aus dem Aargau», 1856