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«Beinahe-geschichtlich Wahres»: Wer genug Stadtberger intus hat, sieht den Esel

Süss, diese Esel! Die Bremgartner waren einst wohl anderer Meinung... Archiv

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Der Nachtwächter Gläsanti erzählt im Freiämter Kalender aus dem Jahr 1979, wie die Bremgarter einen Maler übers Ohr hauen wollten, es misslang und man die Bürger deshalb Esel nannte. Diesen Esel sieht man heute noch – in der Fasnachtszeit.

«Wisst ihr, warum man die Bremgarter Bürger ‹Esel› nennt?», fragte demnach Nachtwächter Gläsanti an einem Schmutzigen Donnerstag. Er sass mit anderen Bremgarter Stadtoriginalen auf der Lügenbank, einer langen grünen Bank am Promenadeneingang. Die Anwesenden gehörten zu den bestinformierten Bürgern der Stadt, doch keiner wusste eine Antwort.

So erklärte Gläsanti: Die Bremgarter hätten sich sehr für Kunst interessiert. Besonders geehrt seien sie gewesen, wenn sie über den Winter Maler, Musiker und Bildhauer beherbergen konnten. So überwinterte einmal ein armer Kunstmaler. Man erteilte ihm den Auftrag, den Einzug in Jerusalem an die Mauer des Bollhauses zu malen. Der Bürgerrat hatte aber keine Absicht den Maler zu bezahlen. Man dachte: «Wenn er die Herberge nicht bezahlen kann, kommen wir so auf unsere Rechnung.»

Der Künstler malte das Bild mit leuchtenden Farben, erzählte der Gläsanti weiter. Von den Kunstkennern der Stadt wurde es als wohlgelungen bezeichnet. Man freute sich, dass man so billig zu einem schönen Gemälde kam. Der Maler aber hatte gemerkt, dass man versuchte, ihn übers Ohr zu hauen. Er wollte derjenige sein, der am Schluss lacht. Deshalb hatte er das Werk mit wasserlöslicher Farbe gemalt. Als beim nächsten Sturm der Regen gegen das Bollhaus peitschte, löste sich das Bild von der Mauer. Nur der Esel blieb stehen, denn er war mit wetterfester Farbe gemalt. Den Stadtvätern blieb nur, den Esel entfernen zu lassen. Das Geschehene machte schnell die Runde. «Von diesem Tag an wurden die Bremgarter Bürger ‹Esel› genannt», versicherte der Gläsanti.

«Und wenn sich die Behörde noch so viel Mühe machte, die Spuren des Esels zu verwischen, sie sind halt doch geblieben bis zum heutigen Tag», steht es im Kalender. Besonders in der Zeit zwischen Schmutzigem Donnerstag und Aschermittwoch sehe man den Esel gut. «Jedoch muss man sich, um das Bild deutlich zu erkennen, das nötige Quantum Stadtberger einverleibt haben, und wer zu viel von diesem edlen Bürgersaft erwischt hat, sieht das langohrige Wappentier sogar doppelt.» 

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Autor

Johanna Lippuner

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