Wohlen
Beim Umbau entdeckt: Die IBW-Scheune war früher auch ein Viehstall

Der damalige Bauer hat Zeugungen und Geburten seiner Tiere einst an den Balken aufgezeichnet.

Jörg Baumann
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Grossbaustelle an historischen Gebäuden beim IBW-Plätzli mit dem Geissmann-Haus (rechts im Vordergrund), der IBW-Scheune (Mitte rechts) und dem Schlössli, dem ältesten Wohler Gebäude.

Grossbaustelle an historischen Gebäuden beim IBW-Plätzli mit dem Geissmann-Haus (rechts im Vordergrund), der IBW-Scheune (Mitte rechts) und dem Schlössli, dem ältesten Wohler Gebäude.

Toni Widmer

Alte Dokumente wecken Erinnerungen. Früher diente die IBW-Scheune in Wohlen den Industriellen Betrieben als Materiallager. Kurt Meyer (Schlosser), Mitarbeiter des Elektrizitätswerkes, rettete bei der Räumung der Scheune zwei alte Strassenlampen. Aber die Geschichte der 1849 erbauten IBW-Scheune, die vom Architekten Benno Kohli zu einem Wohnhaus umgebaut wird, reicht weiter zurück: In der Scheune hielt der 1851 geborene Landwirt Josef Meier Fränzels seinerzeit auch Vieh.

Ereignisse festgehalten

Josef Meier schenkte seinem ältesten Sohn Leonhard (Jahrgang 1877) zum 20. Geburtstag zwei Pferde aus der Nachzucht der französischen Bourbaki-Armee. Diese kam 1871 im Deutsch-Französischen Krieg in die Schweiz und wurde hier interniert. Meiers hielten auf den Deckenbalken der IBW-Scheune jeweils schriftlich fest, wann im Viehstall ein «Sprung», also ein Zeugungsakt, stattgefunden hatte und wann ein Kalb geboren worden war. Leonhard Meier gründete die Fuhrhalterei Meier. Er begann mit Holztransporten, Umzügen und Lohnarbeiten für andere Bauern.

Auf den Deckenbalken des früheren Viehstalles wurden wichtige Ereignisse aufgeschrieben.

Auf den Deckenbalken des früheren Viehstalles wurden wichtige Ereignisse aufgeschrieben.

Kurt Meier

Als der Umbau der Scheune zum Wohnhaus begann, schaute Kurt Meier, der Enkel von Leonhard Meier, nach, ob im Gebäude noch etwas zu entdecken sei. Und siehe da: Die Decke war freigelegt worden, und darunter konnte man einwandfrei lesen, dass 1903 der «Fleck», ein Kalb, geboren oder Leonhard Meier 1906 zweimal ein Rind gefahren hatte. Ein weiteres Dokument kam vor dem Umbau der IBW-Scheune zum Vorschein: Emanuel Isler, Betriebsleiter des Elektrizitätswerkes, wies am 15. Februar 1922 das Monteurpersonal schriftlich an, bis auf weiteres für Max Weber, Inspektor und Mieter, das Hotel Bären, das Kaffeegeschäft Merkur und den Mieter Johann H. Wietlisbach im Wil keine Reparaturarbeiten ausführen oder sie mit Material zu beliefern. Das, solange kein «Gutschein oder Bargeld» vorliege. «Reparaturen und Neuinstallationen bei den Mietern dürften nur mit einer schriftlichen Einverständniserklärung des Hauseigentümers ausgeführt werden», hielt der EW-Betriebsleiter fest.

Die IBW-Scheune steht neben einem noch prominenteren Gebäude, dem «Roten Haus» der IBW Wohlen. 1895 kaufte die Gemeinde die frühere Zehntenscheune des Klosters Muri von 1763, brach sie ab und baute auf dem Platz das erste Elektrizitätswerk. Für die Zehntenscheune war der Klosterammann und Zehnteneinnehmer Martin Wohler, ein Bruder des Untervogts Antoni Wohler, verantwortlich. Das Kloster Muri verkaufte die Scheune 1833 dem Säckelmeister Xaver Wohler. Sie kam 1868 in den Besitz von Gemeindeammann Adolf Geissmann. Beim jüngsten Umbau kamen Bruchsteinmauern zum Vorschein, die beim Abbruch der Zehntenscheune verwendet worden waren. 1849, als die Scheune neben dem Roten Haus erstellt wurde, hatte es in Wohlen erst 300 Häuser, davon 80 mit einem Strohdach.