Wohlen
Beim Fässerbauen durfte der Lungerer nicht herumlungern

Josef Gasser hat vor 92 Jahren in Wohlen die Lehre zum Küfer gemacht – seine Tochter Emma erinnert sich

Toni Widmer
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Es ist ein aussergewöhnlicher Brief, der dieser Tage auf die Redaktion Freiamt der az geschickt worden ist. Emma Gasser aus Lungern hat sich von den Berichten über die laufende Ausstellung «Wohlen einst und heute» inspirieren lassen und in schönster Handschrift von ihrem Vater erzählt, der 1924 in der damaligen Küferei von Isidor Meier in Wohlen seine zweijährige Lehrzeit begonnen hat.

Ihrem Brief hat Emma Gasser ein Duplikat des Lehrvertrages beigelegt, eine Kopie des Briefumschlages, mit dem dieser damals von Wohlen nach Lungern geschickt worden ist, und ein Foto, das ihren Vater als Lehrling bei der Arbeit in Wohlen zeigt. Offenbar hat er damals zusammen mit dem Lehrmeister und zwei Gesellen die Fertigstellung von zwei riesigen Weinfässern gefeiert. Auf dem rechten der beiden ist eine Inschrift gut zu lesen: «Ich reich euch den Becher, gefüllt bis zum Rand, ein Prosit dem Zecher, der trink mit Verstand.»

Küfer bis zum letzten Tag

Ihr Vater, erzählt Emma Gasser, war später in Lungern als selbstständiger Küfer tätig und habe diesen Beruf mit grosser Leidenschaft ausgeübt. Die Einnahmen aus der Küferei hätten allerdings bald nicht mehr für den Lebensunterhalt der Grossfamilie mit ihren elf Kindern ausgereicht: «Mein Vater hat viel für die Bauern gearbeitet. Doch die Nachfrage nach Milchbränten, grossen Güllenfässern und anderen Gerätschaften aus Holz hat mit der Zeit stark nachgelassen.» So sei Josef Gasser dann Dorfpolizist im Nebenamt geworden.

«Nach Feierabend hat er seine Uniform aber jeweils sehr schnell mit dem Arbeitsgwändli vertauscht und ist in seiner Werkstatt im Parterre unseres Hauses verschwunden», blickt seine Tochter zurück. Er sei sehr glücklich gewesen, dass er sich nach der Pensionierung wieder ganz seinem Handwerk habe zuwenden können. «Sein Beruf war seine Leidenschaft, und er stand noch täglich in seiner geliebten Werkstatt, als er schon vom Krebs gezeichnet war und ihn seine Kräfte langsam verliessen.» Josef Gasser ist 1986 mit
78 Jahren verstorben. Seine Frau lebte bis 2015, sie wurde 102 Jahre alt. «Die Werkstatt», erzählt Emma Gasser, «ist bis heute so, wie sie der Vater einst eingerichtet hat. Ab und zu kommt mein Bruder vorbei. Er hat Schreiner gelernt und kann für gewisse Aufträge Vaters alte Maschinen und Geräte nützen.»

Arbeit für Kost und Logis

Während seiner zwei Lehrjahre hat Josef Gasser bei Isidor Meier für Kost und Logis gearbeitet, daneben wurde ihm die Wäsche gewaschen. Lohn gab es für den Jüngling nicht. Dafür ein strenges Regime: «Der Lehrling verpflichtet sich gegen Lehrmeister, dessen Angehörigen, gegen jedermann und gegen das übrige Geschäftspersonal anständig zu betragen und auf jeden Befehl pünktlichen Gehorsam zu leisten.» Und auch herumlungern war für den Lungerer tabu: «Der Lehrling wird dringend ermahnt, jede Woche einen halben Tag die Gewerbeschule zu besuchen. Zweitens soll er sich im Winter um 8 Uhr und im Sommer punkt 9 Uhr zu Hause befinden und nicht auf der Strasse.»

Von seiner Lehre habe ihr Vater nur Positives berichtet, sagt Emma Gasser. Sie erinnere sich jedoch nicht, dass er das Freiamt später noch einmal besucht hätte: «Zum Reisen war kein Geld vorhanden. Vater ging höchstens alle paar Jahre einmal an ein Schützenfest.»