Tatsächlich: In der Dämmerung sieht man viel mehr als tagsüber! Was zunächst merkwürdig klingt, stellt die Stiftung Reusstal bei einer abendlichen Exkursion eindrücklich unter Beweis. Denn wenn die Sonne untergeht, blüht die Tierwelt am Flachsee erst richtig auf – viele Vögel kehren erst um diese Zeit zu ihren Schlafplätzen zurück. Eine anderthalbstündige Führung öffnete am Wochenende rund 40 Interessierten vom Natur- und Vogelschutz-Verein Berikon und Umgebung (NVV) Augen und Ohren.

Tierische Erfolgsgeschichte

Für viele ist es eine besondere Erfahrung, das Naturschutzgebiet um den Flachsee durch die Brille eines Biologen zu betrachten. Diesen Einblick ermöglichen Josef Fischer und Niklaus Peyer von der Stiftung Reusstal. Mit rund 70 Exkursionen pro Jahr kennen sie den Flachsee fast so gut wie ihre Westentasche. «Dort hinten sieht man eine Gruppe Silberreiher», ruft Fischer entzückt. Angestrengt blinzeln die Teilnehmer in die Distanz und können die Vögel selbst mit dem Feldstecher nur knapp erkennen.

Nach der Entstehung des Flachsees dauerte es geschlagene 17 Jahre, bevor der Silberreiher, ein typischer Wintergast, sich erstmals blicken liess – diesen Winter rasten hier 20 davon. Dieses Beispiel unterstreicht die Erfolgsgeschichte, welche das Naturschutzgebiet aus biologischer Sicht darstellt. Viele der Grafiken, welche Fischer auftischt, zeigen steil nach oben: Das gilt ebenso für die Zahl der hier ansässigen Graugänse als auch für die Mittelmeermöwen, die relativ neu zugezogen sind und sich seither exponentiell vermehren. Auch dem Biber hat es der Flachsee angetan: Seit 15 Jahren bewohnt er das Gebiet und hinterlässt seither seine Spuren – davon zeugen angeknabberte Weiden, ein grosser Bau in Form einer «Biberburg» und Trampelpfade an den Ufern. «Für ihn ist es ein optimaler Lebensraum, mit viel Gehölz für seinen Bau und einem schwachem Wasserstrom», erklärt Fischer. Denn: Der Biber sei gar kein so agiler Schwimmer, wie man denken mag.

Lärm macht Tieren zu schaffen

Die abendliche Idylle am Flachsee trügt jedoch; der Naturschutz bringt viele Herausforderungen mit sich. «Die Vergrösserung der Siedlungsräume beeinträchtigt die Landwirtschaft und die Schutzgebiete um den Flachsee herum», so Rosmarie Groux, Präsidentin des NVV und der Stiftung Reusstal. Es brauche die Stiftung, um für alle Seiten optimale Lösungen zu finden.

So war die Stiftung beteiligt bei der Erarbeitung der Kleintier-Durchlässe unter der Strasse, die derzeit zwischen Zufikon und Unterlunkhofen gebaut werden. Nicht immer sind die Lösungen aber so schnell zur Hand: Dass das Gebiet des Flachsees relativ lärmig ist, ist eine Folge des überbordenden Strassen- und Luftverkehrs und des offenen Charakters dieser Landschaft. «Die Geräuschkulisse der Menschen kann für gewisse Tiere insbesondere in der Paarungszeit problematisch sein», sagt Groux.

Zurzeit sind die Vögel um den Flachsee noch relativ still. Nur einige aufgeschreckte Kormorane fliegen kreischend in die Nacht hinaus und im Sumpf quietscht eine Wasserralle, um ihr Territorium abzustecken. Mit etwas Hintergrundwissen und geschärften Sinnen eröffnet sich für die Natur- und Vogelliebhaber eine völlig neue Welt. Damit haben der NVV und die Stiftung Reusstal ihr Ziel für die Dämmerungsexkursion erreicht.