Wohlen

«Bei mir lernst du kein Hollywood» – wie es sich in einem privaten Kampftraining anfühlt

Krav Maga in Wohlen.

Krav Maga in Wohlen.

Nach 18 Jahren im Polizei- und Sicherheitsdienst hat sich der Villmerger Ramon Pfister seinen Traum erfüllt und bietet Krav-Maga- und Selbstverteidigungskurse an. Die AZ Freiamt hat sich selbst im Training ein Bild der israelischen Kampfkunst gemacht.

Es ist das wohl schönste Dojo in der ganzen Schweiz: Der neue Karate-Trainingsraum im Dachgeschoss am Gewerbering Wohlen bietet durch seine Glaswände Aussicht bis in die Alpen. Doch wenn einem Fäuste und Knie entgegenschiessen, vergisst man die Aussicht fast ein bisschen. Ich werde angerempelt und zu Boden geschubst.

Was tun? Ich rolle mich gleich wieder hoch und boxe in einer Links-Rechts-Kombi auf meinen Angreifer ein, bevor ich wegrenne. Und ich schreie, und zwar aus Leibeskräften, auch wenn es in einer Sporthalle etwas Überwindung braucht und die anderen zum Lachen bringt. Doch hier geht es nicht um Wettkampfsport, sondern darum, wie ich reagieren und mich wehren könnte, sollte ich auf einer düsteren Strasse, auf dem Vitaparcours oder sonst wo in Bedrängnis geraten. Und falls mein Gegner dann doch schneller ist und mir keine Zeit lässt, aufzustehen, dann hake ich einen Fuss um seinen Knöchel und bringe ihn mit einem harten Fusstritt auf die Kniescheibe zu Fall. Es ist tatsächlich ein gutes Gefühl, solche kleinen Kniffe zu kennen, selbst wenn ich hoffe, dass ich sie niemals werde einsetzen müssen.

Wenn plötzlich ein Aschenbecher geflogen kommt

Ramon Pfister grinst. Der 45-jährige geschiedene Vater, der in Villmergen aufgewachsen ist, sieht natürlich genau, dass ich noch kaum Erfahrung in Selbstverteidigung habe. Aber darum geht’s in seinen Kursen: ums Lernen. Und um Spass, denn den hat man spätestens wegen seiner Sprüche. «Wenn dir an der Migroskasse plötzlich ein Aschenbecher entgegenfliegt, bist du auch nicht in Kampfstellung, dann weichst du einfach so gut es geht aus und versuchst, deinen Kopf mit den Armen zu schützen», sagt er beispielsweise, als mich mein Gegner mit einem ausgepolsterten Knüppel zu schlagen versucht. Ich muss lachen, in dem Moment erwischt mich mein Gegner unvorbereitet und ich lande wieder auf dem Boden. «So ist das halt», sagt Pfister. «Bei mir im Training lernst du kein Hollywood. Keiner fliegt da zehn Meter durch die Luft. Bei mir lernst du, was beim Selbstschutz möglich und wichtig ist.»

Krav Maga, eine Kampfart des israelischen Militärs

Pfister weiss, was das bedeutet. 18 Jahre lang war er bei der Polizei und im Sicherheitsdienst tätig und musste sich mehrfach selbst verteidigen oder renitente Personen in Schach halten. Zudem bildete er Personenschützer aus. Jetzt hat er sich seinen Traum erfüllt: Er hat sich mit Krav-Maga-Kursen selbstständig gemacht. Krav Maga ist eine Kampfart des israelischen Militärs. Weil diese für europäische Zwecke allerdings nicht in allen Teilen geeignet ist, wurde sie zur Selbstverteidigung in Krav Maga Self Protect weiterentwickelt. Genau das lehrt Pfister seit diesem Jahr zweimal wöchentlich in Wohlen und Aarau. Dabei mischt er ab und zu auch Kniffe aus seiner 32-jährigen Erfahrung im Karate und anderen Kampfkünsten aus Fernost hinein. «Im Ernstfall ist alles richtig, was einen schützt», hält er schulterzuckend fest. Ihm ist wichtig: «Wir wollen nicht unsere Feinde ausbilden.» Darum lässt er nur Leute ohne Verbrechen in ihren Vorstrafenregistern zum Training zu.

Ramon Pfister.

Ramon Pfister.

«Nach jedem Training wird dir etwas wehtun»

«Wer mein Training nicht mehr besuchen will, weil er es nicht durchhält, hat mich falsch verstanden», sagt Pfister. «Bei mir kommt es nie darauf an, dass man die Übungen genau so macht wie ich und so lange durchhält. Ich trainiere seit Jahrzehnten, das kann man nicht in ein paar Wochen aufholen. Bei mir soll jeder so hart trainieren, wie es für sie oder ihn stimmt.» Gerade seine persönlichen Lieblingsliegestützen schafft an diesem Abend keiner von uns. Das ist kein Problem, zum Schwitzen kommen wir alle. Ein neuer Teilnehmer fragt, wie er trainieren müsse, um seine Fettpölsterchen loszuwerden. «Das kommt drauf an. Wenn du ohne Schmerzen abnehmen willst, dann geh zu den Weight Watchers. Bei mir wird dir nach jedem Training irgendwas wehtun. Aber so stärken wir deinen ganzen Körper. Wir wollen starke Muskeln, die auch einmal einen Schlag aushalten können», erklärt Pfister.

Das Spezielle: Alle Teilnehmer sind trotzdem begeistert und stolz, so gut durchgehalten zu haben, wie es ihr Körper zuliess. Ich auch. Es sind nicht nur junge, sportliche Leute im Training, wie man meinen könnte. Auch ältere Semester trauen sich Krav Maga zu. «Wer es ausprobieren will: Im Oktober startet ein neuer Einsteigerkurs», wirbt Pfister. Zum Schluss wird gemeinsam gedehnt, was die geplagten Muskeln ein bisschen entschädigt. Dann fährt Ramon Pfister sofort nach Aarau, wo er seine andere Krav-Maga-Truppe trainiert.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1