Asylwesen

Bei Familie Adank leben zwei junge Asylbewerber

Nicole und Christian Adank aus Merenschwand bieten zwei jugendlichen Asylsuchenden aus Westafrika Platz in ihrem Heim. Das Zusammenleben bringt einige Herausforderungen mit sich – aber auch schöne Momente.

«Mein Name ist Momo», sagt der dunkelhäutige Junge, der mir soeben die Haustüre der Adanks geöffnet hat. «Eigentlich Mohamed Ali Touré. Aber jeder nennt mich Momo.» Er führt mich ins gemütliche Esszimmer. Dort sitzen Nicole Adank, ihr Mann Christian und die 4-jährige Tochter Gianna – sie hat es sich auf dem Schoss eines weiteren farbigen Jungen gemütlich gemacht. «Sein Name und seine Geschichte dürfen wir aufgrund des Jugendschutzes nicht erwähnen», erklärt Nicole Adank, «er ist erst 17 Jahre alt und lebt auch bei uns.»

Der 20-jährige Asylsuchende Momo hingegen darf erzählen – und er will auch: «Ich komme von der Elfenbeinküste. Meine Eltern sind im Bürgerkrieg gestorben. Ich bin im August 2008 in die Schweiz geflüchtet», sagt er traurig. «In Genf bin ich angekommen, man hat mich nach Valorbe geschickt. Nach einer Woche bekam ich eine Fahrkarte nach Aarau in die Hand gedrückt. Von dort ging ich zu den Adanks, die damals noch in Meisterschwanden lebten. Jedoch nur für eine Woche. Dann ging’s für zwei Wochen in den Kanton Waadt zu einer anderen Familie. Schlussendlich bin ich wieder zu den Adanks zurückgekehrt», erzählt Momo, der vier Jahre nach seiner Einreise noch keine Aufenthaltsbewilligung hat. Er spricht gutes Deutsch mit einem französischen Akzent.

Schwierige Anfangsphase

Wie kamen die Adanks dazu, einen Asylbewerber bei sich zu Hause aufzunehmen? «Wir haben lange gedacht, dass wir keine Kinder kriegen könnten», erzählt Nicole Adank. «Ich und mein Mann wussten aber, dass wir gut mit Jugendlichen umgehen können.» So nahmen sie mit einer Trägerschaft Kontakt auf, die hilfebedürftige Jugendliche vermittelt. Im April 2008 bekamen die Adanks ihren ersten Schützling. «Er war kein Asylsuchender. Der Junge kam aus einem Heim für sozial auffällige Jugendliche. Er blieb für fünf Monate bei uns.» Im darauffolgenden September bekamen die Adanks eine dringliche Anfrage für einen Asylsuchenden – die Anfrage für Momo. «Zuerst hatten wir natürlich Bedenken. Wir hatten schon ein wenig Hemmungen, einen minderjährigen Asylbewerber bei uns aufzunehmen.» Doch sie entschieden sich dafür. Momo kam nach den erwähnten Umwegen endgültig zu ihnen. «Seien wir ehrlich: Wir hatten eine sehr schwierige Anfangsphase», sagt Nicole Adank, «es war alles andere als einfach. Vom einten auf den anderen Tag hatten wir keine Privatsphäre mehr. Zwei grundverschiedene Kulturen trafen aufeinander. Auch eine sprachliche Barriere war da. Etwa ein halbes Jahr herrschten Tränen und Frustration.» Auch für Momo war es nicht leicht: «Es gab viele Missverständnisse. Ich kam einfach so zu wildfremden Menschen, die ganz anders waren. Es war komisch.» Doch dann kamen die Adanks und Momo immer besser miteinander klar. «Wir haben unsere Standpunkte geklärt», so Nicole Adank. Auch als Momo begann, im Verein Fussball zu spielen und so viele Bekanntschaften knüpfte, ging vieles einfacher.

«Ich bin glücklich hier»

Die Adanks schafften es, dass Momo in die Sekundarschule in Sarmenstorf gehen konnte. Danach besuchte er das Integrationsprogramm an der Kantonalen Schule für Berufsbildung (ksb). Jetzt ist er im 2. Lehrjahr als Automatikmonteur bei der Cellpack Power Systems AG in Villmergen. «Vor jedem dieser Schritte herrschte ein unglaublicher Papierkrieg», so Nicole Adank. Doch gemeinsam hätten sie es geschafft, als Familie, sagt sie. Daran, dass Momo nicht in der Schweiz bleiben darf, wollen sie alle gar nicht denken. «Ich bin glücklich hier. Ich habe so viel gelernt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich plötzlich meine Lehre abbrechen muss und nicht mehr in dieser Familie leben kann. Für mich würde eine Welt zusammenbrechen», erzählt Momo.

Der 20-Jährige hat auch schon schlechte Erfahrungen gemacht in der Schweiz. «Einmal war ich in einer Bar. Da kamen Rechtsextreme herein. Sie haben angefangen Lieder über die Ku-Klux-Klan zu singen und sich vor mir aufgestellt. Ich bin dann ohne ein Wort zu sagen weggelaufen und nach Hause gegangen. Dort haben auch schon Leute Steine an mein Fenster geworfen und meinen Namen gerufen. Begleitend haben sie ‹White Power› geschrien.»

Jenen helfen, die schon hier sind

«Wir sind keine Politiker», sagt Christian Adank. «Wir finden auch nicht, dass die Schweiz jeden Asylbewerber reinlassen sollte. Aber wir denken, man sollte jenen helfen, die schon hier sind. Hilfe zur Selbsthilfe sozusagen. In dieser Zeit, die sie in der Schweiz sind, sollen sie profitieren, sodass sie dann in ihrem Land etwas arbeiten und auch dort bleiben können.» Das sei sein Hauptanliegen, und das seiner Frau.

Eigentlich müssten Asylbewerber, die bei einer Familie leben, nach Vollendung des 18. Lebensjahres in eine Asylunterkunft umziehen. «Da Momo uns sehr Nahe steht, haben wir beschlossen, dass er bei uns bleiben kann. Natürlich bekamen wir ab dann kein Geld vom Kanton mehr. Wir wollten ihm den Rahmen einer Familie einfach bieten, auch, damit er seine Lehre schafft.» Mit seinem Lehrlingslohn bezahlt Momo 100% der Krankenkasse und ist unabhängig vom kantonalen Sozialdienst. Das Einzige, was er nicht selbst bezahlt, sind das Essen und der Schlafplatz. Dafür kommen die Adanks auf. Momo lebt also überhaupt nicht auf die Kosten des Staates.

Er und der andere Pflegejunge aus Westafrika seien bei der Familie und den Freunden der Adanks immer sehr gut angekommen. «Aber nur, weil sie so gute Personen sind. Wären sie kriminell oder hätten mit Drogen zu tun, dann wären sie bei uns auch nicht lange willkommen gewesen.» Doch die beiden wollen etwas erreichen. «Ich habe viele Träume für die Zukunft», sagt Momo. «Ich will eine Firma gründen im Elektrizitätsbereich. In Afrika haben immer noch sehr viele Leute keinen Strom. Ich könnte mein Wissen dort anwenden.» Doch erst einmal wolle er seine Lehre zu Ende machen, sagt er, während er seiner Pflegeschwester mit der dunklen Hand liebevoll über die strohblonden Haare streicht.

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