Bio-Diesel
Bauer Werner Humbel: Vom Mastbetrieb zum Öko-Strom-Produzenten

Seit dem 1. Juli ist in der Schweiz ein neues Gesetz in Kraft, das untersagt, Fleischabfälle den Säuen zu verfüttern. Werner Humbel aus Stetten macht nun aus der Not eine Tugend und sattelt seinen Mastbetrieb um: von nun an produziert er Strom.

Daniel Meyer
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Werner Humbel: Lebensmittel-Recycling
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Werner Humbel vor seinem Betrieb
Werner Humbel
Werner Humbel
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Werner Humbel
Werner Humbel
Werner Humbel

Werner Humbel: Lebensmittel-Recycling

Marco Sansoni

«Ich habe jahrelang gekämpft gegen dieses Gesetz, habe mich aber nicht durchsetzen können», sagt Werner Humbel konsterniert. Nun müsse er eben die Konsequenzen ziehen und sich der Situation anpassen. Er macht das Beste daraus. Pragmatisch. «Das Gesetz ist Unsinn», entfährt es ihm dann aber doch. Er müsse sich erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass hiesiges Tierfutter bessere Qualität haben müsse als Nahrungsmittel für Menschen anderswo.

Nur noch Joghurt darf verfüttert werden

Das Gesetz ist ein Überbleibsel aus der BSE-hysterischen Zeit und trat EU-weit 2006 in Kraft. Es untersagt das verfüttern von sämtlichen Fleischabfällen an Schweine oder andere Nutztiere. Neu darf nur noch Joghurt als Abfall an die Säue verfüttert werden. «Wir haben 30 Jahren Abfälle an die Säue verfüttert», resümiert Humbel, «von diesen für die Säue aufbereiteten Abfälle geht keinerlei Gefahr aus.» Die Aufbereitung besteht nämlich darin, die Resten 20 Minuten lang auf 100 Grad aufzuheizen, «danach sind sie absolut steril».

Humbel rechnet vor, dass aufgrund der Gesetzesänderung nun jährlich 300'000 Tonnen Speiseabfälle und noch mal so viele Fleischabfälle keinen Zweck mehr hätten. Ebenfalls müssten nun 44'000 Tonnen Soja pro Jahr zusätzlich in die Schweiz zur Tiermästung eingeführt werden.

Nun ist Werner Humbel in die Energie-Herstellung eingestiegen und macht Strom. Das Verfahren dabei ist so anders gar nicht: Erhitzt wird die zerkleinerte und vermengte Fleischmasse genauso, doch wird sie dann zu Gas vergärt, womit ein Generator angetrieben wird. Dieser speist den generierten Strom dann ins Netz der Elektrizitätswerke Zürich ein, mit denen Humbel ein Exklusivvertrag abgeschlossen hat.

Mehr Abfälle als erwartet

Doch noch ist dies Zukunftsmusik: Noch ist in Niederwil, 600 Meter neben seinem bisherigen Firmendomizil in Stetten, eine grosse Baustelle zu sehen, noch ist keine Kilowattstunde ins Netz eingespiesen worden. In den Nächsten Tagen wird die ganze Anlage von Experten in Augenschein genommen, wobei sowohl technische als auch hygienische oder sicherheitsspezifische Belangen geprüft werden. «Die Anlage wird grösser als gedacht, da wir mehr Abfälle haben, die wir verwerten können», sagt Humbel.

Humbel sieht einem Weltverbesserer nicht gerade ähnlich, einem Hippie schon gar nicht. Mit seiner Brille, seinen feinen Gesichtszügen, seinen wachen Augen wirkt er vielmehr wie ein smarter Geschäftsmann. Humbel ist Pragmatiker: Er handelt streng nach den Gesetzen der Logik. Idealistischer Dünkel ist ihm fremd, so ist der ausschlaggebende Punkt für den Umstieg als auch den Umbau seiner Firma das Gesetz, das per 1. Juli nun auch in der Schweiz in Kraft tritt.

«Öko-Strom isch sexy»

Humbel bringt das Image des Öko-Stroms in der heutigen Zeit auf den Punkt: «Öko-Strom ist sexy». Ist dieser Humbel also nur ein weiterer Surfer auf der Alternativ-Welle? Einer mehr, der die Welt mit seiner Idee verbessern will?

Mitnichten. Humbel ist Realist: «Seit der Bund den Atomausstieg beschlossen hat, ist es noch dringender geworden, sich nach alternativen Stromerzeugern umzusehen. Doch ich werde kein AKW der Welt ersetzen können.» Wir hätten in der Schweiz gar nicht genügend Abfälle, um uns ernsthaft mit aus Abfällen erzeugtem Strom zu versorgen. Der Anteil dieses Stroms werde immer marginal bleiben, erklärt Humbel. Auch wisse er nicht, wie die Schweiz es angehen soll, aus der Atomenergie auszusteigen. Dies sei aber auch gar nicht sein Antrieb.

Neben Öko-Strom auch Bio-Diesel

Die Stromproduktion ist aber nicht die einzige Idee, die Humbel schon hatte. Mit seiner Lastwagenflotte sammelt er nicht nur Speiseabfälle, sondern auch Speise- und Frittieröl zur Wiederverwertung ein, woraus dann in einem aufwendigen Verfahren Treibstoff wird. Dabei wird dem Öl Kaliumhydroxid beigesetzt, später alle Fremdstoffe in Glyzerin umgewandelt und ausfiltriert. In einem weiteren Schritt wird noch Methanol beigesetzt und fertig ist der C02-neutrale Bio-Diesel. Dieser ist in «allen Belangen dem fossilen Diesel gleichwertig».

Weltweit hat der Bio-Treibstoff einen miserablen Ruf, weil zur Herstellung oftmals Nahrungsmittel verwendet werden. Dies in Ländern notabene, die für diese Lebensmittel weiss Gott eine andere Verwendung hätten (Pervers: das Soja, das nun aufgrund des neuen Gesetzes benötigt wird, kommt meist aus diesen Ländern). Die Menschen dort hungern für unser gutes Gewissen. Doch es reicht ein Blick in die Nachbarländer: In Deutschland beispielsweise gibt es 6000 Bio-Gas Anlagen, wovon viele mit Mais betrieben werden.

Sonderfall Schweiz

Anders ist dies aber in der Schweiz: Hierzulande wurde seit jeher darauf geachtet, dass nur Abfälle zur Herstellung von Bio-Diesel verwendet werden. Ungewohnt zurückhaltend zeigt sich diesbezüglich auch der Bund: «Ich erhalte keinerlei Subventionen. Die einzige Unterstützung, die wir kriegen, ist die Treibstoffzollbefreiung.» Doch im Grunde wolle er gar keine Unterstützung. «Ich will bestehen im freien Markt wie jede andere Firma auch.» Deshalb wohl will er auch nicht herausrücken, woher die 14 Millionen stammen, die er in den Bau seiner Anlage in Niederwil investiert hat.

Dass es mit der Ideologie bei Humbel nicht weit her ist, beweist er postwendend: «Ich bin nicht für den Atomausstieg, auch wenn ich alternativen Strom produziere. Die Idee ist einfach irrealistisch», oder: «Aus Speiseabfällen Biogas zu produzieren, ist immer nur die zweitbeste Variante, die man wählen kann.» Es gebe schlicht nichts sinnvolleres, als die Speisabfälle zu verfüttern.

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