Mutschellen
Bauer hinterlässt 25 Büsi: Mit dem Aargauer Tierschutz auf Katzenfang

Weil der Mutscheller Bauer seine Hofkatzen nicht kastrieren lassen wollte, mussten Tierschützer eine Notfallaktion durchführen. Ein Fall von unzähligen, die unnötig wären.

Andrea Weibel
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Auf Katzenfang mit dem Aargauer Tierschutz
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Zwei mutige Katzenbrüder wagen sich als Erste an die Falle heran, aus der es verlockend nach Essen duftet.
Astrid Becker, Präsidentin des Aargauer Tierschutzes, sorgt dafür, dass es den gefangenen Hofkatzen gut geht.
Tierarzt Daniel Vincenz kastriert an diesem Tag fünf Hofkatzen, die ihm die Tierschützer bringen.
Der 7-jährige Labrador Aron wird ebenfalls ins Tierheim mitgenommen und wartet nun auf ein neues Zuhause.

Auf Katzenfang mit dem Aargauer Tierschutz

Chris Iseli

Ein hübscher roter Kater wagt sich als Erster hinter dem Scheunentor hervor. Über seinem Zuhause, einem Hof auf dem Mutschellen, geht gerade eine nebelverhangene, dunkelrote Sonne auf. Wacker spaziert er auf ein Metallkistchen zu, aus dem es verlockend nach Fressen riecht. Er beschnuppert dessen Wände, die nach Baldrian duften. Hinter ihm lugt ein zweites Katerchen skeptisch am Scheunentor vorbei, während eine Kätzin sich in der Scheune umschaut. Der rote Kater hat das Fressen im Kasten entdeckt und wagt sich hinein. Dann tritt er unbewusst auf ein Brett unter dem Happen und erschrickt: Das Brett hat einen Mechanismus ausgelöst, der eine Klappe hinter dem Kater zufallen lässt. Er sitzt in der Falle.

Fünfmal passiert das an diesem Freitagmorgen auf dem Mutscheller Hof. Jedes Mal kommen Astrid Becker, Präsidentin des Aargauer Tierschutzvereins (ATS), und ihre Helferinnen und laden die Samtpfoten in die Fahrzeuge. Auch Aron, der brave schwarze Labrador, wird eingeladen. Die Türen fallen zu, die Autos fahren los und das alte Zuhause der Büsi bleibt zurück.

Den Angehörigen überlassen

Der Besitzer des Hofes, der seine Katzen zwar gefüttert hat, nicht aber kastrieren liess, ist kürzlich verstorben. «Schon vor fünf Jahren waren wir auf dem Hof und schlugen dem Besitzer vor, die Katzen einzufangen und zu kastrieren, damals waren es noch weniger», erinnert sich Becker. «Doch das wollte er nicht. Jetzt müssen sich seine Angehörigen um die Tiere kümmern.» Doch es sind zu viele. Jemand, dem der Zustand aufgefallen ist, verständigte den ATS. «Wir haben umgehend Kontakt mit den Hinterbliebenen aufgenommen.» Der Sohn schätzte die Anzahl der Katzen auf etwa 20. «Meistens kann man auf solche Angaben noch zehn draufzählen», weiss Becker aus Erfahrung.

Schon einen Tag nach dem Anruf war sie vor Ort. «Ein Babybüsi haben wir gleich mitgenommen. Bei den anderen Katzen haben wir gesehen, dass einige zutraulich sind, andere wild.» Dennoch ist ihr Ziel, alle Katzen bis Februar eingefangen, medizinisch versorgt, kastriert und für die scheuen Katzen einen guten Platz im Grünen gefunden zu haben (siehe Kasten).

Dringend neues Zuhause gesucht

Allein bei den Katzen verzeichnet der Aargauer Tierschutz (ATS) jährlich 150 bis 200 Fälle. «Jedes Jahr fangen wir zwischen 600 und 800 Katzen, die wir kastrieren und ärztlich versorgen lassen – und das zusätzlich zur Bauernhofkatzen-Kastration», so ATS-Präsidentin Astrid Becker. Die 130 bis 330 Katzen, die pro Jahr im Tierheim aufgenommen werden (bis zu 80 Prozent Katzenwelpen), sollen nicht länger als durchschnittlich 40 Tage im Tierheim bleiben. Darum sucht der ATS dauernd neue Zuhause für sie. «Jedoch nicht nur Familien für Hausbüsi. Wir fangen auch oft wilde Katzen. Diese einzusperren, ist kein Tierschutz.» Für sie sucht der ATS Bauernhöfe oder Häuser im Grünen, wo sie gefüttert und versorgt werden, aber weiterhin wild leben können. «Gerade jetzt suchen wir dringend solche Plätze.»

Mit der Bauernhofkatzen-Kastration will der ATS zudem helfen, die Ausbreitung von wilden Katzen zu stoppen. «Zwischen November und Februar können sich Bauern bei uns oder den Tierärzten melden. Die Kosten werden zwischen Besitzer, Tierarzt und ATS geteilt.»

Für Labrador Aron hat der Sohn des Verstorbenen eine Verzichtserklärung unterschrieben, er will ihn nicht behalten. Das ging rasch, und das ist wichtig, denn für die Tierschützer drängt die Zeit: «Vor allem die Kätzinnen möchten wir so schnell wie möglich einfangen und kastrieren, bevor sie trächtig werden. Und die Kater müssen wir noch vor dem Frühling erwischen, bevor sie womöglich abwandern», sagt Becker. Dabei ist das nur einer von vielen Fällen, die der ATS derzeit betreut.

Markierung am Ohr

Von den fünf eingefangenen Katzen stellen sich drei als Kater und nur zwei als Kätzinnen heraus. «Wir müssen die nehmen, die uns in die Falle gehen. Mehr als fünf kann der Tierarzt an diesem Tag nicht kastrieren, weil er auch sein Tagesgeschäft bewältigen muss», sagt die ATS-Präsidentin, die zudem für die spezielle Katzengruppe und das Tierheim zuständig ist. Nur Tage später sollen die nächsten der Katzen gefangen werden.

Heute ist Tierarzt Daniel Vincenz in Untersiggenthal, ganz in der Nähe des Tierheims, bereit, die Katzen zu behandeln. Er sucht sie nach Ohrmilben und Flöhen ab, testet sie auf Leukose, entwurmt, kastriert und chippt sie. Die Impfungen folgen erst später: «Die Katzen sollen sich von dem Eingriff erholen können, bevor sie geimpft werden. So wirken die Impfdosen auch viel besser», erklärt er. Mit den Tieren vom Mutscheller Hof ist er zufrieden: «Diese fünf sind einigermassen zutraulich und scheinen gesund. Leukosefälle haben wir zum Glück nur noch selten, aber wenn die Tiere ins Tierheim kommen, muss schon gewährleistet sein, dass sie kein Ungeziefer einschleppen.»

Vincenz ist einer von drei Tierärzten, die sich abwechselnd um die Schützlinge des Tierheims kümmern. «Wenn die Katzen auf dem Mutschellen nur kastriert und wieder zurückgebracht worden wären, hätten wir einen Tierarzt vor Ort aufgesucht», hält Becker fest. Vincenz erklärt weiter: «Wenn es sich um wilde Katzen handelt, die wir kastrieren, werden sie nicht gechippt. Stattdessen kennzeichnen wir ihre Ohrspitzen. So erkennen die Tierschützer bei einem nächsten Mal, welche Katzen bereits kastriert sind und nicht mehr eingefangen werden müssen.»

Keine Weihnachts-Büsi

Rund 40 Tage verbringen Katzen im Durchschnitt im Tierheim, bevor sie vermittelt werden. Einen Teil dieser Zeit brauchen sie, um sich von den Strapazen beim Einfangen und der Kastration zu erholen. Danach werden sie von Tierfreunden im ganzen Kanton aufgenommen. Lediglich Timona, eine 18-jährige schwarze Kätzin, hat im Tierheim für immer ein Zuhause gefunden, denn sie ist nicht ganz stubenrein und kann darum nicht mehr vermittelt werden. «Sie ist die Chefin im Gehege eins», berichtet Becker liebevoll. Das Tierheim steht den Tierfreunden das ganze Jahr über offen. Nur zwischen dem 15. Dezember und dem Jahresende werden keine Heimbewohner herausgegeben. «Es gibt keine Tiere zu Weihnachten», stellt die ATS-Präsidentin klar.

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