Ein kleiner Kellerraum eines Einfamilienhauses, auf dem beigen Sofa liegt ein Reifen, an der Wand hängt neben einem Schraubenschlüssel-Set ein fast fertiges Mountainbike. Auffällig ist vor allem der Rahmen mit der Aufschrift «onncycle»: Die Maserung ist nicht aufgedruckt, sondern echt – die Bambusrohre werden durch Karbon und Epoxy zusammengehalten.

Ralph Hahn bezieht die Bambusrahmen aus Thailand und baut sie in seinem Keller mit anderen Komponenten zu fertigen Fahrrädern zusammen. Das Hobby ist zeitintensiv: «Ich beschäftige mich eigentlich jeden Abend und am Wochenende mit den Velos», sagt Hahn. Dazu zählt neben dem Handwerklichen auch die Pflege seiner Internetseite.

Geld kommt Waisen zugute

Der Vater von Ralph Hahn war Velorennfahrer, das Velo immer ein zentrales Thema in der Familie. Beruflich hat er nichts mit Fahrrädern zu tun: Hahn ist Leiter Qualitätsmanagement. Auf die Bambusvelos ist er im Internet gestossen, «es war ein reiner Zufall», so Hahn.

Die Idee des Holzvelos ist nicht neu. Bereits vor über 100 Jahren wurden sie in England gefertigt. Durch die Industrialisierung setzten sich aber vermehrt andere Werkstoffe durch.

Beliefert wird der Murianer von Phil, einem amerikanischen Ingenieur, der im Norden von Thailand lebt. Phil hat viel Wissen, insbesondere was das Zusammenführen verschiedener Materialien anbelangt. Ganz abgesehen davon unterstützt er mit seiner Arbeit ein Waisenhaus und schafft Arbeitsplätze.

«Deshalb wird es das Bambusvelo auch nie im Ausverkauf geben, wir wollen keine Dumpingpreise. Der Wert der Arbeit, die im Produkt steckt, ist mir wichtig», so Hahn. Jedes Onncycle ist eine Einzelanfertigung und entsteht in Handarbeit.

Der Kunde kommt zu einem Beratungsgespräch vorbei; Schaltung, Rahmen und weiter Komponenten werden je nach Anwendungszweck ausgesucht. Hahn kauft dann alles ein und baut die Teile zusammen, anschliessend wird das Velo auf den Fahrer eingestellt.

Der Rahmen kostet 1400 Franken. Mit etwa 2700 Franken inklusive Komponenten muss man aber rechnen. «Es ist kein Velo für den Bahnhof. Es ist etwas für neugierige Leute.» Ist ein Bike mit Holzrahmen besonders umweltfreundlich?

«Die Verbindungsstücke sind aus Carbon», gibt der Velobauer zu bedenken. Trotzdem sei die Onncycle-Rahmenherstellung inklusive Transport nahezu CO2-neutral

Eigenes Fahrrad bauen

Die Bambusrohre sind dunkler, als man es sich von Bambus gemeinhin gewohnt ist. Die Färbung erhält der thailändische Bambus, weil er geräuchert wird – das riecht man noch ganz leicht. Für das Fahrrad braucht es die richtige Art Bambus, und er muss zum richtigen Zeitpunkt geschnitten werden.

Drei bis fünf Jahre wächst die Pflanze, bis sie die geeignete Grösse hat. Angst haben, dass das Holzvelo zerbricht, muss man aber nicht: Die Zugfestigkeit liegt etwa sechsmal höher als bei Stahl. Diese Stabilität und die Struktur der Pflanze tragen dazu bei, dass das Material Schwingungen absorbiert und damit für ein angenehmes Fahrgefühl sorgt.

Ralph Hahn hat auch ein Fahrrad, bei dem er den Rahmen selber zusammengebaut hat – auch wenn die Verbindungsstücke nicht ganz so glatt sind wie bei den Rahmen aus Thailand.

Dieses Wissen möchte der Murianer zukünftig in Workshops weitergeben: «Ein Wochenende, an dem man sein eigenes Velo zusammenbauen kann. Wer möchte, könnte auch sein altes Velo mitbringen und die Teile mit einem Bambusrahmen verarbeiten», so Hahn. Für das Projekt sucht er noch Unterstützung. «Ich bräuchte jemanden, der die Leidenschaft hat, so einen Workshop zu planen.»

Weitere Infos auf www.onncycle.ch