Muri
Baby verletzt: Gericht spricht Vater frei – obwohl es ihn für den Täter hält

Dem Vater ist nicht nachzuweisen, dass er seinen vier Wochen alten Sohn verletzt hat. So kam das Bezirksgericht Muri zum Schluss, ihn «im Zweifel für den Angeklagten» freizusprechen.

Eddy Schambron
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Der vier Monate alte Säugling wurde wegen Hauteinblutungen ins Kantonsspital Baden eingeliefert. (Symbolbild)

Der vier Monate alte Säugling wurde wegen Hauteinblutungen ins Kantonsspital Baden eingeliefert. (Symbolbild)

eperales/flickr CC BY 2.0

Hat er oder hat er nicht seinen vier Wochen alten Sohn verletzt? Das Bezirksgericht Muri kam zum Schluss, dass dem jungen Vater die Tätlichkeiten nicht nachzuweisen sind, obwohl es ihn für den Täter hält. Eine Erleichterung für ihn und seine Familie ist der Freispruch deshalb nicht. Gerichtspräsidentin Simone Baumgartner tönte zudem an, dass die Oberstaatsanwaltschaft das Urteil an die nächste Instanz weiterziehen könnte.

Im Kantonsspital Baden wurden, nachdem der Säugling von der Mütterberatung wegen Hauteinblutungen eingewiesen worden war, ein Knochenbruch im Oberschenkel, Hämatome am Bauch, am Rücken und am Unterarm, streifenförmige Einblutungen an beiden Augenlidern und Unterblutungen der Bindehäute beider Augäpfel festgestellt. «Die Berichte stellen fest, dass bei allen Blutergüssen von einer äusserlichen Gewalteinwirkung ausgegangen werden muss, ebenso beim kleinen Knochenbruch am Oberschenkelknochen, wo zumindest von groben Manipulationen auszugehen sei», heisst es in der Anklageschrift. Die Verhandlung gestern vor Bezirksgericht war die Fortsetzung einer ersten Verhandlung, die im April stattgefunden hatte. Zusätzlich wurde nun die Mutter als Zeugin befragt.

«Er war immer liebevoll»

Diese hatte keine Erklärung für Hämatome oder den Knochenbruch, die wenige Wochen nach der Geburt vor knapp drei Jahren festgestellt wurden und in einem Zeitraum von 14 Tagen entstanden sein mussten. Sie zeigte sich überzeugt, dass ihr Mann zu Unrecht verdächtigt wird. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Man den Buben verletzt haben könnte. Er ging immer sehr liebevoll mit ihm um und trug ihn stundenlang herum, wenn er weinte.» Auf die Frage der Gerichtspräsidentin, wer denn alles in der fraglichen Zeit von zwei Wochen direkten Kontakt mit dem Säugling hatte, erklärte sie, dass das viele Verwandte und Bekannte und auch Fachleute wie die Mütterberaterin oder die Hebamme gewesen seien. Die Einblutungen der Augenlider seien übrigens familienbedingt. «Ich hatte das als Baby auch.» Das zweite Kind, das die Familie inzwischen hat, habe diese Verfärbungen auch schon gehabt.

Die Verteidigerin des Angeklagten unterstrich unter anderem, dass die Ursache der körperlichen Anzeichen mit den erstellten Gutachten nicht nachgewiesen sei und sich aus ihnen keine Täterschaft ableiten lasse. «So, wie es in der Anklage steht, kann es gar nicht gewesen sein.» Weiter machte sie rechtliche Mängel im Verfahren geltend, die allein schon eine Verurteilung ausschliessen würden. Der noch junge Familienvater sei ohne entsprechende Rechtsgrundlagen wie ein Schwerverbrecher behandelt und massiv unter Druck gesetzt worden. Gross sei die Belastung durch die Anschuldigungen auch für die ganze Familie. Seit bald drei Jahren lebe diese nun in der Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen würden. «Alles andere als ein Freispruch wäre nicht zu verstehen.» Der angeschuldigte Vater wiederum beteuerte, dem Kind nie etwas angetan zu haben. «Ich wäre froh, wenn wir als Familie wieder ohne Druck und Angst leben könnten.»

«Gewalteinwirkung ist passiert»

Trotz Freispruch könne sie ihm oder seiner Familie die sehnlichst gewünschte Erleichterung nicht gewähren, sagte Baumgartner. «Für mich ist klar: Ihre Frau ist es nicht gewesen, nur Sie sind der einzige Täter.» An zwei gültigen, detailliert gemachten Gutachten sei nicht zu zweifeln: die Hämatome seien keine Gerinnungsstörungen. Sie könnten zwar verschiedene Ursachen haben, aber: «Es gab eine Dritteinwirkung, es ist eine gewisse Gewalteinwirkung passiert.» Allerdings kann die Täterschaft nicht klar eruiert werden, zumal viele Personen im fraglichen Zeitraum mit dem Baby in Kontakt waren. Der Freispruch sei deshalb «im Zweifel für den Angeklagten» zustande gekommen. Er sei aber auch aus rechtlicher Sicht zu erklären: Kommt es zu einer einmaligen Verfehlung, spricht das Gesetz von Tätlichkeit, bei mehrfachen Übergriffen hingegen von einfacher körperlicher Verletzung. Letztere sei ein Offizialdelikt, das von Amtes wegen verfolgt wird. Bei Tätlichkeit hingegen handelt es sich um ein Antragsdelikt; in diesem Fall fehlt der entsprechende Antrag auf Strafverfolgung. Das Gericht ging «zugunsten des Tatverdächtigen» von einer Tätlichkeit aus, da mehrfache Misshandlungen wahrscheinlich nicht erfolgt sind.