Dottikon
Auszeit auf dem Feld: Ein Chef wird Erntehelfer in Deutschland

Ex-Vizeammann Stefan Wietlisbach verdingt sich für zwei Monate als Erntehelfer auf einem Bio-Bauernhof in Deutschland. Für den Bauernsohn ist die Auszeit vom Chefsessel eine willkommene Abwechslung.

Jörg Baumann
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Stefan Wietlisbach: Vertauscht Chefsessel mit dem Traktorsitz. ba

Stefan Wietlisbach: Vertauscht Chefsessel mit dem Traktorsitz. ba

Der 57-jährige Unternehmer Stefan Wietlisbach aus Dottikon tauscht seinen Chefsessel mit einem Traktorsitz. Für zwei Monate verdingt er sich als Erntehelfer auf einem Bio-Bauernhof im ostdeutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Auf diese Auszeit freut sich Wietlisbach wie ein Kind: «Zum ersten Mal seit 14 Jahren bin ich zwei Monate lang nicht der Chef, sondern ein normaler Angestellter.»

Wietlisbach kehrt damit auch zu seinen Wurzeln zurück. Er ist in Dottikon als Bauernsohn mit zehn Geschwistern aufgewachsen. Nicht er, sondern nach alter Tradition sein ältester Bruder Josef, übernahm den elterlichen Hof. Stefan Wietlisbach lernte stattdessen in der BBC in Birr Maschinenmechaniker. Nach weiterführenden Fachschulen und Lehr- und Wanderjahren in Kaderpositionen in verschiedenen Firmen machte sich Wietlisbach vor 14 Jahren selbstständig: Er übernahm vom Dottiker Unternehmer und Geigenbauer Kurt Fischer das Brünierwerk Brütec AG.

2007 gründete er ein zweites Standbein mit einem grossen Wärmeverbund. Damit leistet Wietlisbach einen grossen Beitrag an den Umweltschutz: «Mit der Holzschnitzelheizung bedienen wir umgerechnet 400 Wohnungen und sparen auf diese Weise pro Jahr rund 400 000 Liter Heizöl und eine Menge Immissionen», sagt er.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagierte sich Wietlisbach 22 Jahre lang im Gemeinderat, davon 12 Jahre als Vizeammann.

Zeit für etwas Neues

Dieses Amt hat er inzwischen abgegeben. «Ich hatte plötzlich mehr Zeit zur Verfügung und Lust, nochmals etwas Neues anzupacken.» Ende Juli fährt er mit seinem Landrover ostwärts, nach Langen Jarchow, einem kleinen Nest zwischen Rostock und Wismar. «Das Dorf liegt nicht weit weg vom Ostseestrand und zählt nur 250 Einwohner. Dafür ist der Hof von Dirk und Petra Saggau umso grösser – er umfasst 350 Hektaren. So riesige Bauerngüter haben wir keine in der kleinen Schweiz», schwärmt Wietlisbach. Schon die schiere Grösse habe ihn gereizt, meint er, aber noch viel mehr, wieder einmal auf einem Bauernhof arbeiten zu dürfen.

«Das Stelleninserat habe ich in der deutschen Agrarzeitung «Profi» gefunden», berichtet Wietlisbach. Was macht er auf dem Hof? Wietlisbach weiss, was ihn erwartet. «Ich werde zur Hauptsache bei der Weizenernte eingesetzt und mich wohl auch um die Pferde auf dem Anwesen kümmern dürfen und dabei mit den Gästen in den Ferienwohnungen auf dem Hof in Kontakt kommen.»

Job mit Familienanschluss

Viel Geld wird Wietlisbach in seinem neuen Job nicht verdienen. Wichtiger als der Zahltag ist ihm: «Ich bekomme Kost, Logis und Familienanschluss. Das hat mir Dirk Saggau versprochen.» Besonders freut sich der passionierte Jäger und Naturfreund auf die weite, schwach besiedelte Landschaft mit ihren vielen ruhigen und fliessenden Gewässern. Dort ist sogar der Seeadler noch heimisch. Was für ein Kontrast zum dicht besiedelten, stark industrialisierten unteren Freiamt, wo es praktisch keinen Platz mehr hat für die unberührte Natur.

Firmen leiten die Angestellten

Völlig lässt Wietlisbach indes Dottikon nicht aus den Augen, auch wenn das Ziel seiner selbst gewählten Auszeit vom Berufsalltag rund 1100 Kilometer weit im Osten liegt. «Meine Frau Elsbeth wird mich besuchen kommen», berichtet er. «Und ich nehme meinen Laptop mit, damit ich mich in freien Stunden auf dem Laufenden halten kann, was zu Hause läuft. Meine beiden Firmen kann ich in dieser Zeit getrost meinen Mitarbeitern überlassen. Die sind zuverlässig und schmeissen den Laden auch ohne ihren Chef.»