Villmergen/Kaipoi
Austauschjahr in Neuseeland: «Alles dreht sich um Sport und Umwelt»

Sein Austauschjahr ist für Jeremy Chavez (16) und seine Brüder eine neue Erfahrung. Er lebt in Kaipoi in Neuseeland und erzählt, im Vergleich zur Schweiz gebe es enorme Mentalitätsunterschiede.

Patrick Züst
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Die drei Brüder Joel, Jeremy und Jan Chavez (von links nach rechts) treffen sich zum ersten Mal seit Monaten wieder im ehemaligen Zimmer des Austauschschülers.

Die drei Brüder Joel, Jeremy und Jan Chavez (von links nach rechts) treffen sich zum ersten Mal seit Monaten wieder im ehemaligen Zimmer des Austauschschülers.

Patrick Züst

Jan, Jeremy und Joel Chavez sind Brüder, wie sie im Buche stehen. Das sieht man, das hört man, das merkt man. Drei Villmerger mit Wurzeln in Ecuador, deren Verwandtschaft sich nicht nur in ihrer äusserlichen Erscheinung manifestiert, sondern auch in ihren Interessen, ihrem Auftreten, ihrem prägnanten und scharfen Lachen.

Im Freiamt auf Weltreise

Die az Freiamt porträtiert diese Woche fünf junge Freiämter, welche sich im vergangenen Sommer von der Schweiz verabschiedet haben und seither im Ausland auf eigenen Füssen stehen. Aus ihrem alten Zuhause skypen wir in ihr neues Zuhause, sprechen mit ihnen über Abschiede, Anfänge und das ganz grosse Abenteuer.

Seit je haben sie ihr Familienleben zelebriert, unternahmen viel gemeinsam, haben Haus und Leben geteilt. Zumindest bis im vergangenen Juli Bezirksschüler Joel, der Jüngste im Bunde, erbarmungslos von seinen zwei älteren Brüdern getrennt wurde. Dahinter steckt jedoch kein brutaler Schicksalsschlag, sondern eine Dienstpflicht und ein ganz grosses Abenteuer. Seither lebt Joel alleine mit seinen Eltern in Villmergen, während Jan in Yverdon mit Militärfahrzeugen durch die Gegend fährt und Jeremy in Neuseeland den berühmt-berüchtigten Haka-Tanz übt. Dass es seit einigen Monaten in der Casa Chavez merklich ruhiger wurde, ist wohl keine Überraschung.

Eine digitale Wiedervereinigung

«Das ist jetzt also überhaupt nicht repräsentativ», kündigt Joel an, lacht und öffnet die Türe zu Jeremys altem Zimmer. Es ist aufgeräumt, «so wie schon seit Jahren nicht mehr», verrät Joel. Auf dem Boden liegen einige Ordner und Mäppchen, alles ist geordnet und sortiert. Seit der Kantonsschüler in sein Austauschjahr nach Neuseeland aufgebrochen ist, wurde sein chaotisches Schlafzimmer zum durchstrukturierten Studienzimmer seiner Mutter.

 Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

zvg

Fast zehn Sekunden dauert es anschliessend, bis die Skype-Verbindung zwischen dem Freiamt und dem anderen Ende der Welt hergestellt ist. Jeremy freut sich, seinen jüngeren Bruder Joel zu sehen, wenn auch nur in digitaler und in ziemlich verpixelter Form ist. Sie hatten in letzter Zeit nur sehr wenig Kontakt, sprechen vor allem über die Schule, das Leben im Freiamt und Jeremys Gastfamilie in Neuseeland. Kurz darauf klinkt sich auch Jeremys älterer Bruder Jan in das Gespräch ein. Der 19-jährige Soldat kommt gerade von seiner ersten Woche in der Unteroffiziersschule zurück, ist sichtlich mitgenommen von den Strapazen. Für ein bisschen Smalltalk mit seinen Brüdern reichen die Energiereserven aber noch aus. Die scheinbar unzertrennlichen Brüder sind zum ersten Mal seit Monaten wieder vereint.

 Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

zvg

Während es im Freiamt merklich kühler wird, steht Jeremy kurz vor dem Beginn seiner Sommerferien. Drei Monate lang muss er nicht mehr zur Schule, wird in dieser Zeit mit seiner Gastfamilie durch Neuseeland reisen. Dabei will er so viele Eindrücke wie nur möglich aufsaugen und mit den verschiedensten Leuten in Kontakt kommen. Denn deshalb besuche er die zweite Klasse der Kantonsschule ja schliesslich nicht in Wohlen, sondern im fernen Neuseeland: Wegen des Kulturaustauschs, wegen der neuen Freunde, wegen des Gefühls der Freiheit. «Und ein bisschen auch noch wegen der englischen Sprache», sagt er und lacht. Inspiriert wurde er bei diesem Vorhaben von seinem älteren Bruder Jan, welcher vor drei Jahren ein Austauschjahr in Kanada machte.

 Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

Eindrücke aus dem neuen Zuhause Kaipoi

zvg

Einen Viertel seines Aufenthalts in Neuseeland hat Jeremy unterdessen bereits hinter sich. Verglichen mit seinem Alltag in der Schweiz gäbe es enorme Mentalitätsunterschiede, erzählt er: «Das zeigt sich vor allem in den Bereichen Umwelt und Sport. Im neuseeländischen Schulsystem dreht sich ab dem Kindergarten fast alles nur um diese zwei zentralen Themen.» So gibt es an seiner Schule zahlreiche Outdoor-Kurse und auch die talentierten Sportler werden extrem gefördert. Letzteres zahlt sich aus: «Mathematikaufgaben löse ich jeweils mit einer Vizeweltmeisterin im Trampolinspringen, auf Mitglieder von diversen Nationalmannschaften treffe ich fast jeden Tag. Neuseeland definiert sich richtiggehend über diese sportlichen Erfolge!»

Und der Jüngste im Bunde?

Wie es scheint, ist der Sport aber nicht nur ein wichtiger Identifikationsfaktor für die Neuseeländer, sondern auch für die drei Chavez-Brüder selbst. Denn obwohl das Skype-Gespräch in Jeremys Zimmer der erste richtige Kontakt seit Wochen ist, wechselt das Thema dabei sehr schnell von persönlichen Erzählungen zu Diskussionen über die Rugby-Weltmeisterschaft. Neuseeland gehört dort nämlich auch dieses Jahr wieder zu den Favoriten. Und im Sport findet sich dann auch der einzige Wermutstropfen, den Jeremy in Neuseeland derzeit belastet: «Wegen der Zeitverschiebung muss ich immer viel zu früh aufstehen, um die Fussballspiele der Uefa-Champions-League schauen zu können.»

Auf dem Gesicht seiner zwei Brüder zeichnet sich Schadenfreude ab. Noch über ein halbes Jahr wird es dauern, bis sich die drei am Flughafen Zürich wieder in echt gegenüberstehen werden, bis Joel in der Casa Chavez wieder Gesellschaft bekommt. Bereits ein Jahr darauf wird aber auch er noch die Chance auf das Abenteuer Austauschjahr erhalten. Ob er in die Fussstapfen seiner Brüder tritt? Wir bleiben dran!