Circus-Monti-Serie (5)
Ausländische Artisten: «Hier gibts auf den Strassen sogar Streifen für die Velos»

Wie erleben ausländische Artisten die Schweiz? Apra Run (26) aus Kambodscha und Nella Niva (23) aus Finnland berichten von Sauberkeit, vielen Regeln und unerwartet spontanen Schweizern

Andrea Weibel
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Entspannt: Hand-auf-Hand-Artist Apra Roun aus Kambodscha und die finnische Trapez-Artistin Nella Niva fühlen sich beim Monti sehr wohl. aw

Entspannt: Hand-auf-Hand-Artist Apra Roun aus Kambodscha und die finnische Trapez-Artistin Nella Niva fühlen sich beim Monti sehr wohl. aw

Apra Roun (26) ist ehrlich: «Als es vor einigen Wochen so stark geregnet hat und wir auf dem Platz in Malters knöcheltief im Wasser standen, musste ich lachen, denn es war ein bisschen wie zu Hause in Kambodscha.» Der Hand-auf-Hand-Artist ist auf dem Land aufgewachsen, konnte dank eines Programms für Strassenkinder oder Kinder aus schwierigen Verhältnissen Zirkuskurse besuchen und arbeitet nun seit vier Jahren in Europa.

30 Jahre Circus Monti

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AZ

Der Kambodschaner ist begeistert von der Schweiz: «Hier ist alles unglaublich sauber, die Leute fahren schöne Autos und wohnen in schönen Wohnungen. Was daran aber am beeindruckendsten ist: Man kann seine Sachen auch draussen im Garten stehen lassen, sie werden nicht gestohlen oder demoliert. Alles ist sehr sicher und die Leute anständig», hält er fest.

Seine Kollegin Nella Niva (23), Trapez-Artistin aus Espoo in Finnland, pflichtet ihm bei: «Als wir zum Beispiel in Luzern waren, waren alle Strassen blitzsauber. Ich habe mich gefragt: Wie machen die das denn? Ich glaube, die Schweizer tragen ihren Sachen und auch ihren Städten einfach Sorge.» Das sei eine sehr schöne Eigenschaft. Es gebe aber auch andere: «Die Regelgläubigkeit der Schweizer ist manchmal etwas gar übertrieben. Bei sehr vielen Regeln sehe ich ein, wofür sie gut sind. Aber manchmal können mir selbst die Schweizer nicht erklären, weshalb man irgendetwas irgendwo nicht tun darf», lacht sie.

«Eine sehr gute Schule»

Beide Artisten sind glücklich, dass sie beim Circus Monti arbeiten dürfen. «Es ist zwar anstrengend, denn man ist nicht nur Artist, sondern muss auch beim Auf- und Abbau des Zeltes sowie beim Transport und teilweise im Buffet mithelfen. Aber so erleben wir hautnah, was es alles braucht, um Zirkus machen zu können. Es ist eine sehr gute Schule», fasst die Finnin Niva zusammen. Sie kennt das Zirkusleben bestens, denn ihre Mutter leitet in Finnland eine Zirkusschule, in der Nella Niva mit drei Jahren begonnen hat, erste Kunststücklein zu üben. «Auch meine Mutter war sehr glücklich, als meine Partnerin und ich das Angebot vom Circus Monti bekommen haben. Er hat in der Zirkuswelt einen sehr guten Ruf. und jeder und jede will da mal hin.» So hat auch Apra Roun während seiner Ausbildung in Frankreich vom Monti gehört und sich zusammen mit seinem Partner beworben.

Roun bekommt von der Schweiz wenig mit, da sein Leben hauptsächlich auf den Zirkusplätzen abläuft. «Sehr beeindruckend sind natürlich die Berge und die wunderschöne Natur», erzählt er. «Und was mich bei den Transporten immer wieder zum Lachen bringt: Hier sind die Strassen sowieso nicht sehr breit, aber immer gibt es noch eigene Abtrennungen und Streifen für die Velos, sodass sich die Velofahrer nicht zwischen den Autos in Gefahr begeben müssen. Das ist toll.»

Finnland dagegen ist von der Natur her sehr ähnlich wie die Schweiz, nur eben viel grösser und etwas flacher. Nella Niva überlegt laut und lacht: «Wenn man Finnland zusammendrückte, dann würde die Fläche kleiner und die Bergwelt höher. So würde mein Heimatland zur Schweiz.»

Schweizer Flaggen und Shirts

Die Schweizer seien viel offener als sie den Berichten von Freunden zufolge erwartet habe, sagt Nella Niva. «Wenn man die Initiative ergreift und sie anspricht, sind die meisten sehr kontaktfreudig. Viele, die wir in Bars getroffen haben, kamen nachher sogar in die Vorstellung», freut sie sich.

Später machte die Artistin aus Finnland eine etwas eigenartige Beobachtung: «Vor einigen Wochen war ich sehr erstaunt, denn überall hingen Schweizer Flaggen, und viele Leute trugen rote Shirts mit dem weissen Schweizer Kreuz drauf. Ich dachte, einen so krassen Patriotismus habe ich noch nie gesehen», erinnert sich die Finnin. «Aber dann merkte ich, dass das nur wegen der Fussball-Weltmeisterschaft war, das hat mich beruhigt.»

Beide Artisten feierten zuvor noch nie den Schweizer Nationalfeiertag. Im Monti gibt es am 1. August jeweils ein Essen für alle im Buffetzelt sowie ein kleines Feuerwerk vom Zirkusdirektor. «Wir Finnen feiern unseren Unabhängigkeitstag am 6. Dezember, also mitten im Winter. Da gibt es keine Party, sondern nur ein grosses Familienessen, und dann setzen sich alle vor den Fernseher und schauen sich das Bankett im Präsidentenpalast an. Es ist eigentlich blöd, aber alle diskutieren dann über die Gäste, die Mode und so weiter. Selbst wenn wir an dem Tag nicht in Finnland sind, schauen wir uns das immer an», erläutert Niva lachend.

Der Kambodschaner Apra Roun kennt keinen Nationalfeiertag. «Unser grösstes Fest ist das Neujahrsfest, das dauert drei Tage lang, vom 13. bis 15. April. Dann spielen wir verschiedene Spiele, tanzen, essen sehr viel und alle beisammen. Und am 21. Oktober gibt es in Kambodscha nochmals ein zweitägiges Fest, an dem wir für die Toten beten.» Hier in Europa feiert Roun diese Tage nicht mehr. Er möchte noch einige Jahre in Europa arbeiten können, denn als Artist verdient man in seiner Heimat kaum etwas. Doch danach möchte der Kambodschaner wieder zurück nach Hause. Dann wird er auch wieder zünftig das Neujahrsfest feiern.