Rottenschwil
Ausgesetzte Schildkröte: der gepanzerte Eugen und sein Retter

Seit zehn Jahren bietet Christoph Burgener Findelschildkröten ein Zuhause. Alles fing mit der Landschildkröte Eugen an, die eines Tages ganz alleine auf der Strasse vor seinem Haus entlang spazierte. Mittlerweile zählen die Burgeners acht gepanzerte Familienmitglieder.

Melanie Burgener
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Christoph Burgener mit der Findelschildkröte.

Christoph Burgener mit der Findelschildkröte.

Melanie Burgener

Fast zehn Jahre sind schon vergangen, seit bei Christoph Burgener im Garten die ersten Findelschildkröten eingezogen sind. Zu Beginn bewohnten nur Wasserschildkröten den bunt bewachsenen Garten mit dem grossen Naturteich. Doch dann kam Eugen. Die kleine Landschildkröte, die etwa so gross war wie eine Mango, spazierte eines Tages ganz allein die Strasse vor seinem Haus entlang.

«Es war ein Sommerabend und das Tier war schon halb verdurstet. Wir haben es zu uns genommen, bei Bekannten ein Gehege ausgeliehen und eine provisorische Anlage errichtet.» Danach sandte er ein SMS-Inserat an die Aargauer Zeitung und fand tatsächlich die Besitzerin.

«Doch weil diese merkte, wie gern meine Familie ihren Eugen bereits hatte, und weil er sowieso immer wieder ausgebüxt ist, durften wir ihn am Ende behalten.» So baute Burgener aus der provisorischen eine definitive Landschildkrötenanlage inklusive Frühbeet, die er in diesem Jahr erweiterte, damit neue Bewohner einziehen konnten.

Artgerecht und fantasievoll

Heute zählt die Familie Burgener insgesamt acht gepanzerte Familienmitglieder, vier davon leben im Wasser, vier an Land. «Der artgerechte Teich ist 1,8 Meter tief und so gebaut, dass die Schildkröten sich problemlos auch am Ufer aufhalten und verkriechen können», erklärt Burgener. Unmittelbar neben dem Teich befindet sich das grosse Gehege für die Landschildkröten. «Diese Anlage ist aufgeteilt in Bereiche mit Steinen, Schnitzeln und Gras, so können sich die Tiere aussuchen, wo sie am liebsten sein wollen.»

Die vielen Kräuter und die Grasstellen mit Löwenzahn geben den zumeist griechischen Landschildkröten auch die Möglichkeit, sich selber zu ernähren. Am Rand der Anlage springen zwei grosse Glashäuser ins Auge. «Die Frühbeet-Kästen in der Landschildkrötenanlage sind wichtig für die Überwinterung der Tiere», weiss Christoph Burgener. «Die Schildkröten vergraben sich im Herbst selbstständig und kommen dann nach etwa fünf Monaten wieder hervor.» Auch die Wasserschildkröten halten Winterschlaf. «Sie tauchen auf den Grund des Teiches und graben sich dort in Dreck und Laub ein.»

«Keine Auffangstation»

Woher kommt Burgeners grosses Interesse für Schildkröten? «Mich haben diese Tiere schon immer fasziniert. Ich hatte als Kind Wasserschildkröten in einem Aquarium. Jetzt, wo ich einen so grossen Garten habe, wollte ich auch ausgesetzten Tieren die Möglichkeit geben, artgerecht zu leben», erzählt der 47-Jährige.

Seine Liebe zu den gepanzerten Reptilien hat ihn zur Schildkröteninteressengemeinschaft Schweiz (SIGS) geführt. Er habe im Internet über die Haltung von Schildkröten recherchiert und sei auf der Website der Gemeinschaft gelandet. Heute ist der zweifache Vater selber Mitglied der SIGS und beherbergt herrenlose Tiere bei sich im Garten. «Doch unser Garten ist keine Auffangstation», stellt er richtig.

«Wir bekommen unsere Tiere jeweils von Ruth Huber, der Vertreterin der SIGS im Kanton Aargau, die in Hallwil ausgesetzte Schildkröten aufnimmt und sie dann an geeignete Halter weitergibt.» (siehe unten) So konnte er über die Jahre vielen ausgesetzten Schildkröten ein neues Zuhause bieten. Und jede von ihnen, die bei Familie Burgener Unterschlupf fand, hat ihre ganz eigene Geschichte, genauso wie Eugen.

Schildkröten am Flachsee: Freilassen von Schildkröten ist illegal

Auch am Flachsee gibt es Schildkröten, doch nicht alle davon sind heimisch, wie Biologe Goran Dusej von der Stiftung Reusstal erzählt: «Viele Beobachtungen oder Funde betreffen fremdländische Wasserschildkröten, darunter weitaus am häufigsten die Rotwangen-Schmuckschildkröten. Es sind aber auch andere Arten dabei wir Hieroglyphen- oder Gelbwangen- Schmuckschildkröten. Die meisten stammen aus Nordamerika.» Das Aussetzen oder Freilassen von Schildkröten ist gesetzlich verboten. «Bisher konnten die verantwortungslosen Besitzer meines Wissens aber leider weder erwischt noch gebüsst werden.»

Was geschieht mit den gefundenen Schildkröten? «Je nach Art wird versucht, die Tiere in Auffangstationen oder bei Privaten mit entsprechender Infrastruktur und Erfahrung unterzubringen. Das ist schwierig, da die Aufnahmekapazitäten oft zu gering sind. Man kann nicht beliebig viele Tiere auf engem Raum unterbringen. Zudem besteht die Gefahr, dass Krankheiten oder Parasiten übertragen werden.» Durch das zunehmend wärmer werdende Klima und die nahrhaften Schutzgebiete können die Schildkröten sehr gut in Gebieten wie dem Flachsee überleben. Doch durch die Einschleppung von Krankheiten und anderen Mikroorganismen können sie die einheimische Fauna gefährden. Resigniert fügt Dusej an: «Leider lassen sich viele Menschen nicht davon überzeugen, dass eine Aussetzung Schaden anrichten kann und den Tieren oft nicht nützt. Auf diesen Umstand wurde schon oft hingewiesen, dennoch finden wir immer wieder illegal ausgesetzte Schmuckschildkröten.» (mb)

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