Bremgarten

Aus Not entstand eine Tradition: Am szenischen Stadtrundgang standen die Beizen im Fokus

Die Bremgarter Altstadt erwies sich einmal mehr als ideale Kulisse für das szenische Theater.

Die Bremgarter Altstadt erwies sich einmal mehr als ideale Kulisse für das szenische Theater.

Am szenischen Stadtrundgang, den die Stadtführergruppe in Bremgarten organisierte, standen dieses Jahr die Beizen im Fokus.

Die Stadtführung beginnt mit einem Gerichtsfall. Die Angeklagte, 86-jährig, wird in Ketten zum Gasthof Engel geführt. «Ich bin unschuldig», wimmert Bölle Trini. «Das interessiert niemanden!», wettert der Landvogt.

Wir schreiben den 18. Mai 1777. Zwei mausarme Frauen, Bölle Trini und Suuri Muhry aus Boswil, geraten sich unter Alkoholeinfluss in die Haare. Suury Muhry stürzt und stirbt. Ein Unfall? Darüber muss der Landvogt der Freien Ämter nun entscheiden. Nach kurzem Überlegen steht sein Urteil fest. Die Angeklagte wird vom Henker auf den Richtplatz geführt. Mit einer Rute soll ihr so lange auf den Rücken gepeitscht werden, bis dieser blutig ist. Ein Raunen geht durch das Publikum. «Ausserdem sind ihr ab jetzt Wirtshausbesuche verboten!», verkündet der Landvogt.

Was heute undenkbar klingt, war in Bremgarten vor rund 300 Jahren gang und gäbe. «Dieser spezielle Gerichtsfall hat damals tatsächlich so stattgefunden», erklärt Reto Jäger, Vorstehender der Stadtführergruppe Bremgarten.

Alle zwei Jahre veranstaltet der Verein eine szenische Stadtführung durch Bremgarten. Dieses Jahr drehte sich alles um die Beizen des Reussstädtchens. «Im 18. Jahrhundert gab es 14 Beizen in Bremgarten», erzählt Jäger. «Und das bei nur rund 900 Einwohnern.» Alleine die Hälfte davon habe sich an der Marktgasse befunden. Gaststätten hatten damals einen besonderen Stellenwert, sie spiegelten die Gesellschaft wieder. Hier traf man sich nicht nur für Speis und Trank, man erfuhr auch das Allerneuste und teilweise wurden auch Gerichtsverhandlungen wie oben beschrieben abgehalten. Auch Firmungen, wie an einer weiteren Station gezeigt, wurden in den Beizen durchgeführt.

Beizen – hier der «Rote Ochsen» – spielten im 18. Jahrhundert in Bremgarten eine grosse Rolle.

Beizen – hier der «Rote Ochsen» – spielten im 18. Jahrhundert in Bremgarten eine grosse Rolle.

Seit 30 Jahren greift die Stadtführergruppe Themen aus der Bremgarter Geschichte auf. Diese werden in kurzen Theaterszenen umgesetzt und dem Publikum auf unterhaltsame Art und Weise am Originalschauplatz präsentiert. Das Wichtigste dabei: Die Geschichten müssen auf wahren Begebenheiten beruhen und historisch korrekt sein. «In unserer Gruppe sind Bremgarten-Kenner und Historiker vereint», erläutert der Vorstehende des Vereins. «Sie haben Ideen, die wir als Verein umsetzen können.» Rund ein Jahr haben die 16 Mitglieder für den Auftritt vom Donnerstag geprobt. «Vor zwei Jahren führte der szenische Rundgang von einem Stadtturm zum anderen.

Dabei entstanden die Theaterführungen aus der Not heraus. «Früher haben wir einfache Führungen gemacht und das Theater fand während der Rundgänge statt», erinnert sich Reto Jäger. «Von Mal zu Mal kamen mehr Besucher und wir mussten uns neu organisieren.»

Da kam die Idee mit den Stationen auf.» Und was motiviert die Schauspieler des Vereins, rund ein Jahr lang für einen solchen Anlass zu proben? Reto Jägers Antwort lässt nicht lange auf sich warten: «Es ist unsere Leidenschaft, wir lieben Bremgarten und möchten den Menschen so viel wie möglich davon zeigen. Unsere Theater sollen lustig sein, aber auch zum Nachdenken anregen.»

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