Wohlen

Aus der Traum vom günstigen Wohnraum

So hätte sich die Überbauung zwischen Kapellstrasse und Hofmattenweg vom Rebberg aus gesehen präsentiert. VISIONALISIERUNG EGLI ROHR PARTNER AG

So hätte sich die Überbauung zwischen Kapellstrasse und Hofmattenweg vom Rebberg aus gesehen präsentiert. VISIONALISIERUNG EGLI ROHR PARTNER AG

Vor 25 Jahren war auf dem Merkur-Areal eine wegweisende Überbauung geplant – sie wurde nie verwirklicht

Vor 25 Jahren wollte die Merkur AG an der Kapellstrasse in Wohlen in einem neuen Quartier kostengünstige Wohnungen, Büros und Ladenflächen bauen. Doch der Traum platzte, als die Baukonjunktur überraschend und massiv einbrach. Die Merkur AG hatte das Bauland von der Erbengemeinschaft Eugen Dubler in einer Phase der überhitzten Baulandpreise wohl zu teuer gekauft und konnte sich nun nicht mehr dazu durchringen, in das Projekt zu investieren.

Strategische Reserve – was dann?

Die Gemeinde Wohlen hingegen konnte das 124 Aren grosse Merkur-Areal 2003 günstig kaufen. 315 Franken pro Quadratmeter waren damals ein Schnäppchenpreis. Vor der Volksabstimmung über den Kauf erklärte Gemeindeammann Walter Dubler, dass die Gemeinde das Bauland als «strategische Reserve» erwerben wolle. Der Gemeinderat habe die Absicht, «das Areal bis auf weiteren im bisherigen Zustand zu belassen und angemessen zu unterhalten». Das Merkur-Areal könne weiterhin als disponible Freifläche, Parkplatz oder Festplatz dienen. An dieser Idee hängt der Vorstand des Handwerker- und Gewerbevereins Wohlen immer noch: Laut einem Bericht im Wohler Anzeiger bereitet er eine Motion vor, in der gefordert wird, das Areal besser zu erschliessen und für die nächsten 15 bis 20 Jahre als Fest- und Dorfplatz, auch für die Hagewo-Gewerbeausstellung, zu nutzen.

Dem kann der ehemalige CVP-Einwohnerrat und Gemeinderat Erwin Meier, 1997 als Einwohnerrat Initiant des Landkaufes durch die Gemeinde, nichts abgewinnen. «Die Gemeinde muss mit dem Land etwas anfangen. Dafür hat sie es gekauft.» Meier sieht das Merkur-Areal als möglichen Standort für die Provisorien, wenn das Alters- und Pfarreizentrum Chappelehof saniert wird, möglicherweise auch für einen Neubau, sofern der Entscheid in diese Richtung fällt.

Intelligentes Projekt mit Spareffekt

Revolutionäre Ideen hatten vor 25 Jahren die Architekten Gordian Bayer und Gerhard Wittwer vom Büro Egli Rohr Partner AG in Baden-Dättwil. Sie gewannen mit einem Projekt den von der Merkur-Immobilien AG ausgeschriebenen Studienauftrag, der in der Fachpresse Höchstnoten erhielt. Bayer und Wittwer erinnern sich noch gut daran, als sie fest daran glaubten, das Merkur-Projekt würde auch umgesetzt. «Daraus wurde nichts. Aber als Architekt hat man nie die Garantie, dass ein Vorhaben realisiert wird», sagen sie. «Natürlich waren wir enttäuscht. Aber modifiziert könnte man unser Projekt auch heute noch verwirklichen. Es müsste allerdings an die aktuellen Bauvorschriften, vor allem auch im Energiebereich, angepasst werden.»

Bestechend am Projekt von Bayer und Wittwer war: Die Wohnungen für Kleinfamilien und Senioren und die Gewerbeflächen sollten in einem einfachen, platzsparenden Ausbaustandard erstellt werden. Man erwartete so 20 Prozent tiefere Baukosten. Nach bisheriger Merkur-Gewohnheit hatte eine Dreieinhalbzimmer-Wohnung bisher rund 95 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, schrieb die Architekturfachzeitschrift «Hochparterre» zum Projekt. Man könne aber auch auf 80 Quadratmetern leben. «10 bis 15 Quadratmeter lassen sich so einsparen. Das entspricht etwa 16 Prozent weniger Fläche oder 15 000 bis 20 000 Franken, die pro Wohnung gespart werden können», zitierte «Hochparterre» den Baufachmann Konrad Spiess. Was die Merkur-Immobilien AG plane, entspreche keineswegs einer zweiten Auflage von «Wohnungen für das Existenzminimum». Solche Kleinstwohnungen waren 1929 schweizweit im Gespräch. Merkur rede heute von 80 Quadratmetern und nicht von 50 wie die Planer von damals.

Wachsen oder schrumpfen

Bayer und Wittwer gingen den Weg zum einfachen Ausbaustandard konsequent. Und die beiden Architekten erfanden auch einen Grundriss, in dem sich die etwa gleich grossen Zimmer mit Schiebetüren leicht untereinander vertauschen und verbinden liessen. In einer der Häuserzeilen hätte man eine 2 1/2-Zimmer-Wohnung mit der darüber liegenden Maisonettewohnung zum 6 1/2-Zimmer-Reihenhaus mit Garten und Dachterrasse kombinieren können. Das Motto lautete: Man braucht nur so viel Wohnfläche wie gerade nötig – der Idealfall für eine Wohnbaugenossenschaft. Die Wohnung kann wachsen, aber bei Bedarf aber auch wieder schrumpfen. Um Geld zu sparen, planten Bayer und Wittwer unter anderem, die Sanitärzellen kostengünstig vorfabrizieren zu lassen.

Unter der Sparsamkeit sollte die Wohnlichkeit nicht leiden. Bayer und Wittwer projektierten eine familienfreundliche Überbauung mit einem zentralen Platz sowie einem Gemeinschaftsraum, Familiengärten, einen Park mit hochstämmigen Bäumen und ein Biotop, Privatgärten und Spielplätzen für verschiedene Altersgruppen. Die gewerblichen Nutzungen hätten Bayer und Wittwer zudem als Schallschutz entlang der lärmigen Kapellstrasse gestellt.

Schade also, dass ein Projekt mit so vielen guten Qualitäten schubladisiert werden musste. Sei`s drum: Das Architekturbüro Egli Rohr Partner AG ist gegenwärtig daran, das SBB-Areal in Wohlen an der Unteren Farnbühlstrasse mit einem Gestaltungsplan baureif zu machen. «Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe», verrät Gerhard Wittwer. «Es wird wohl deshalb noch einige Zeit brauchen, bis der Plan pfannenfertig vorliegt.»

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