Bremgarten
Aus der Bar wird ein Spielcasino

Der «Stiefelchnächt» in Bremgarten organisiert jeden zweiten Mittwoch im Monat einen Spieleabend. Die az hat ihn getestet und kommt zum Schluss: Mikado, Mühle, Jenga und Co. sind wieder cool.

Lisa Stutz
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Gelächter vom Nebentisch. Die Rothaarige jubelt, sie hat gerade die Partie Ligretto gewonnen. Ihr Gegenüber flucht - er machte knapp Zweiter. Doch alles halb so wild: Die Rothaarige ruft den Kellner und bestellt eine Runde Bier. Ihr Gegner ist wieder versöhnt, und kurz darauf ist die Revanche in vollem Gange. Ich widme mich wieder meinem eigenen Spiel. Irgendwie muss ich es schaffen, dieses Mikado-Stäbchen, das mir ganze zehn Punkte einbringen würde, unter den anderen hervorzuziehen.

Ein kurzer Blick zu meiner Spielgefährtin, um zu prüfen, ob sie genau hinsieht - nicht, dass ich noch in Versuchung komme zu schummeln. Doch ich hätte keine Chance, sie lässt das Mikadostäbchen nicht aus den Augen, das auch sie gern ihr Eigen nennen würde. Nun kommt der Jubel von einem anderen Tisch, an dem ein junger Mann seinen Kollegen im Mini-Billard besiegt. Ich beginne ganz langsam, am begehrten Stäbchen zu ziehen. Die Spannung in jeder Ecke des «Stiefelchnächts» ist nahezu greifbar.

«Stiefelchnächt»: Kultur und Ambiente statt Partyszene

Der Bremgarter «Stiefelchnächt» ist Bistro, Bar und Lounge und neu auch noch Konzertlokal. Wirt Juri Tirez (29) hat ihn im Juni nach einem Jahr Unterbruch zum zweiten Mal eröffnet. Neu setzt er auf Ambiente und Gemütlichkeit statt Partys. Sein Ziel ist es, seine Bar mit Kultur zu verknüpfen. Zu diesem Konzept gehört auch der Spieleabend «SpielEnd» jeden zweiten Mittwoch im Monat.

Einmal pro Monat finden zudem Konzerte im «Stiefelchnächt» statt. «Es werden ausschliesslich akustische Konzerte sein, denn wir sind technisch zu wenig ausgerüstet und die Stimmung passt auch besser», erklärt Tirez. Die Konzerte sind für die Gäste gratis. Juri Tirez plant, dass bald auch Poetry-Slam-Vorführungen und Lesungen in seiner Bar stattfinden sollen - genaue Daten dafür stehen noch nicht fest. (lis)

Nächste Konzerte: 17. November: Trummer, 22. Dezember: Carrousel, 12. Januar: Danee Woo. Infos unter www.facebook.com/stiefelchnaecht

15 Spiele, knapp 30 Mitspieler

In der ganzen Bar sind etwa 15 Spiele verteilt. Von Uno über Tischbillard und Vier Gewinnt bis zum Würfelspiel Yatzy ist alles im stilvollen und doch urchigen Lokal vertreten. Diese Vielfalt passt genau, denn auch die knapp 30 Gäste sind sehr vielfältig: Die unterschiedlichsten Leute - zumeist im Alter zwischen 20 und 40 - haben den Weg zum zweiten Spieleabend im «Stiefelchnächt» gefunden.

Die Regeln sind einfach: Für 20 Franken erhält man 20 Spiel-Chips und ein Getränk. Bei jedem Spiel muss man mindestens einen Chip einsetzten - der Sieger bekommt alle. Wer sich am Ende des Abends die meisten Chips erspielt hat, wird mit einem Preis belohnt. «Der Spieleabend ist ein munteres Mit- und Gegeneinander», sagt Stiefelchnächt-Besitzer Juri Tirez. «Die verschiedensten Menschen treffen beim Spielen aufeinander, das ist toll. Ganz allgemein: Es herrscht eine einmalige Atmosphäre», freut er sich.

Tirez hat recht, die Atmosphäre ist tatsächlich aussergewöhnlich. Denn neben der guten Laune, wie man sie im Ausgang gewohnt ist, mischen hier noch andere Elemente mit. Ganz neue Stimmungen liegen in der Luft, die dem üblichen Ausgang fremd sind: Konzentration, Spannung, Siegeswillen, Originalität. Der bunte Mix aus dem gewöhnlichen Ausgang und dem produktiven Spielspass führt zu dieser einmaligen Atmosphäre und zu vollster Zufriedenheit der Mitspieler.

Ein Lächeln im Gesicht

Zurück beim Mikado-Manöver: Meine Gegnerin starrt aufs Spielfeld, ich ziehe vorsichtig am Stäbchen. Mit grösster Konzentration befördere ich es hervor. Geschafft, das Stäbchen ist meins. In diesem Moment jubelt auch die Rothaarige am Nebentisch wieder. Mir fällt auf, dass jeder im «Stiefelchnächt» ein Lächeln im Gesicht hat. Knapp 30 junge Menschen, die sich untereinander nicht alle kennen, kommen zusammen, um in einer gemütlichen Bar Spiele zu spielen. Und es handelt sich bei ihnen keinesfalls um Spiele-Freaks. Traditionelle Spiele scheinen wieder cool zu sein. Und je später der Abend wird, desto mehr spielen auch Leute miteinander, die sich zuvor nicht kannten. Die Idee gefällt mir. Auch ich lächle. Dann lasse ich mich zu einer Revanche überreden.