Jonen/Irapuato

Aus dem knarrenden Bauernhaus ins Bonzenviertel

Kantonsschülerin Laura Streiff (17) erlebt in ihrem Austauschjahr in Mexiko einen Kulturschock. Die extrovertierte Jugendliche wird überall hin chauffiert und hat kaum Freiheiten – trotzdem ist die Teenagerin total vom Charme Mexikos erfasst.

Laura ist ein Phänomen. Das war sie schon im Freiamt, in Mexiko fällt es jetzt aber erst so richtig auf. Sie verbindet den Hippie-Spirit mit dem ruralen Landleben, ist dabei aufgeschlossen und kommunikativ. Laura spricht viel, lacht oft und macht häufig gleich beides zusammen, nur um sich danach für ihre chaotischen Erzählungen zu entschuldigen.

In ihrem Austauschjahr erlebt sie noch bis im Juni die wohl spannendste Zeit ihres Lebens. Man merkt, wie glücklich sie ist. Und das obwohl sie in die konservative und religiös geprägte Stadt Irapuato im Süden Mexikos eigentlich nicht wirklich reinpasst.

Mit ihrer extrovertierten Art zieht Laura in ihrer Schule haufenweise Männer an, schreckt damit gleichzeitig die anderen Frauen ab. So viel Offenheit, wie sie die sanguinische Laura an den Tag legt, sind sich die ansonsten doch eher zurückhaltenden Mexikaner nicht gewohnt. Richtig zugänglich werden diese nämlich erst, wenn der Alkohol fliesst. Und in Mexiko fliesst er oft.

Eine Freiheit hinter Mauern

Wenn man sich in Jonen auf Lauras Bett setzt, ächzt das ganze Haus. Die Bauernvilla ist alt, hölzern und unglaublich schön. Die Bäume im Garten sind bereits gelb und werden von der Abendsonne in ein warmes Licht getaucht. Währenddessen sitzt Laura auf einem ihrer zwei Betten in Mexiko und wird dabei von drei Marien- und einer Jesus-Figur beobachtet.

So ganz wohl ist es Laura in ihrem zu Hause noch nicht, das merkt man schnell. Sie wohnt in Villas, «dem besten Teil Irapuatos». So steht es zumindest auf der Website des Distrikts.

Hier leben die mit Glück und Geld gesegneten Mexikaner. Es dominieren hohe Mauern, teure Wagen und mondäne Villen. Laura würde eigentlich viel lieber mitten in der Stadt wohnen, in einem dieser verwinkelten Nebensträsschen. Dort, wo jene kleinen und schäbigen Häuschen stehen, an welchen sie mit dem Auto jeweils vorbeigefahren wird.

Dass sie sich je alleine in einer solch proletarischen Gegend aufhalten könnte, ist für ihre mexikanische Gastfamilie absolut undenkbar. Trotz der baldigen Volljährigkeit wird die freiheitsliebende Freiämterin von ihren mexikanischen Gasteltern stark behütet, fast schon bemuttert. In die Schule, an Verabredungen oder zu Veranstaltungen wird sie stets mit dem Auto chauffiert, alleine auf die Strasse darf sie nur in Ausnahmefällen.

Eine suboptimale Angelegenheit für eine junge Frau, die nichts mehr schätzt als ihre persönliche Freiheit: «Es ist ein wirklich toller Austausch, den ich hier gerade erleben darf. Aber natürlich würde es mich schon auch freuen, wenn ich zukünftig mal alleine im Land rumreisen und eigene Erfahrungen machen könnte. Denn bis jetzt habe ich das Gefühl, dass es hier überhaupt nicht gefährlich ist.»

«Arriba, abajo, al centro, adentro»

Mexiko löst bei Europäern oftmals sehr klare Assoziationen aus. Vor allem das stereotypische Bild vom Tequila schlürfenden Mexikaner mit Sombrero ist weit verbreitet. Es treffe aber erstaunlich gut zu, findet Laura – «halt einfach mit ein bisschen weniger Sombrero und ein bisschen mehr Tequila».

Denn während Drogen in ihrer Region praktisch keine Verbreitung haben, sei der generelle Alkoholkonsum schon fast exzessiv. Getrunken werde häufig und heftig, problemlos auch mal vor dem Autofahren. Die farbigen Peso-Scheine lösen nämlich im korrupten Mexiko auch diesbezüglich fast jedes Problem.

Das klingt alles ziemlich negativ. Laura ist zwar von vielen Dingen schockiert – von der strikten Geschlechtertrennung, von der prüden Lebensweise, von der südamerikanischen Unpünktlichkeit. Dass diese Erzählungen aber ein schlechtes Bild auf Mexiko werfen könnten, ist ihr überhaupt nicht recht.

Darauf angesprochen verteidigt sie ihre neue Heimat vehement, spricht von der Herzlichkeit ihrer Gastfamilie, von den neuen Eindrücken, vom leckeren Essen. Zum ersten Mal merkt man, wie stark ihr Mexiko in den vergangenen elf Wochen bereits ans Herz gewachsen ist.

Die Freiämterin ist angekommen

Anders als die meisten ihrer Kanti-Kollegen macht Laura ihr Austauschjahr nicht während der zweiten, sondern während der dritten Klasse der Kantonsschule. Weg wollte sie zwar schon früher, so richtig bereit fühlte sie sich dann aber erst dieses Jahr. Die Wahl auf Mexiko fiel spontan und ohne grosse Hintergedanken.

Sie reiste nach Südamerika ganz ohne Spanischkenntnisse, den Vorbereitungskurs in der Schweiz hatte sie nur selten besucht. Unterdessen findet sie sich in ihrem neuen Leben gut zurecht, verbessert sich sprachlich immer weiter, hat sich einen engen Freundeskreis aufgebaut.

Etwas fremd ist die Hippie-Frau im christlichen und konservativen Mexiko zwar noch immer, eingelebt hat sie sich unterdessen aber definitiv. Und glücklich ist sie sowieso.

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