Porträt
Aus dem Bubentraum ist der Beruf geworden

Beat Zeier (58) arbeitet seit 35 Jahren im Bremgarter Werkhof – am allerliebsten räumt er Schnee.

Toni Widmer
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Beat Zeier ist stolz darauf, als Werkhofmitarbeiter dabei mithelfen zu dürfen, das Reussstädtchen Bremgarten sauber zu halten. Dominic Kobelt

Beat Zeier ist stolz darauf, als Werkhofmitarbeiter dabei mithelfen zu dürfen, das Reussstädtchen Bremgarten sauber zu halten. Dominic Kobelt

Dominic Kobelt

Im Freiamt liegt kein Schnee mehr. Für den 58-jährigen Bremgarter Beat Zeier ein Desaster. Zeier möchte Schnee räumen. Nichts tut er lieber, und diese Leidenschaft hat ihn vor 35 Jahren zum Bremgarter Bauamt gebracht. «Mein Vater hat früher im Werkhof gearbeitet und – damals noch mit Ross und «Käsbisse» (angehängter Pflug) – Schnee geräumt. Das hat mich als Bub so beeindruckt, dass ich einen Pflug vor meine Seifenkiste gebastelt und damit in der Reussgasse die Vorplätze der Nachbarn vom Schnee befreit habe. Mein Traum war es schon damals, dem Schnee einmal mit richtigem Gerät zu Leibe rücken zu können.»

Zuerst hat er Sanitärmonteur gelernt, dann eine Weile auf dem Beruf gearbeitet und es schliesslich im zweiten Anlauf geschafft, beim Bauamt eine Stelle zu bekommen. Arbeitsbeginn war am 2. Februar 1982 und in der Stadt lag Schnee. Viel Schnee. Mit glänzenden Äuglein ging Beat Zeier auf Tour, vorerst noch als Begleiter, später allein mit dem kleinen «Rapid». Aber nicht nur mit der Maschine durfte er arbeiten, die Treppen in der Stadt werden damals wie heute von Hand geräumt.

Freude am Beruf geblieben

Viele Tonnen der weissen Pracht hat Beat Zeier seither beseitigt, mit grossen und kleinen Maschinen, mit Schaufel und Besen. Er hat Strassen, Trottoirs und Treppen gesalzen, damit die Bremgarter auch in der kalten Jahreszeit sicher unterwegs sind. Auch nach 35 Jahren ist der Winter seine liebste Jahreszeit und Werkhofmitarbeiter ist er immer noch Leib und Seele. Das Einzige, was er bedauert, ist, dass nicht mehr so viel Schnee fällt wie früher.

Aber auch im Frühling, Sommer und Herbst liebt er seinen Job. «Ich bin der Kübeltourmann», sagt er. Rund 80 Abfallkübel in Bremgarten und halb so viele in Hermetschwil-Staffeln sowie alle Robidogs leert er regelmässig. Daneben räumt er Sammelstellen auf, putzt den Pyramidenbrunnen, geht auf Fötzelitour und hilft allgemein bei der Stadtreinigung. Seine Arbeit erachtet er weder als eintönig noch als minderwertig: «Ich bin stolz darauf, mitzuhelfen, eine der schönsten Schweizer Städte sauber zu halten», sagt er und ergänzt schmunzelnd: «Und ich darf auf der Arbeit über die alte Holzbrücke fahren, das kann nicht mehr jeder.»

Im Einsatz steht der Werkhofmitarbeiter auch an den Markttagen. Da ist er für die Signalisationen zuständig. «Die Umleitungen, die Zufahrten und die Parkplätze für einen unserer grossen Märkte zu markieren, dauert jeweils rund anderthalb Tage», erklärt er. Markttage seien immer etwas Besonderes. Sie brächten Leben in die Stadt, und das gefalle ihm, obwohl es gelegentlich sehr viel zu tun und danach vor allem viel aufzuräumen gäbe.

Stadt ist ein guter Arbeitgeber

Beat Zeier freut sich, wenn seine Arbeit geschätzt wird: «Klar gibt es auch Leute, die mit irgendetwas nicht zufrieden sind und reklamieren. Aber es gibt auch viele Leute, die Danke sagen, wenn ich eine Treppe vom Schnee räume oder irgendwo putze. Ich denke, unsere Arbeit wird geschätzt.» Und er selber schätze die Stadt als Arbeitgeberin: «Da gibt es gar nichts zu mäkeln. Einen besseren Arbeitgeber als ich kann man kaum haben.»

Es gibt etwas in der Stadt, das der Werkhofmitarbeiter gar nicht schätzt: «Das Littering hat zugenommen. Es gibt Leute, denen jeder Respekt vor unserer schönen Stadt fehlt. Man glaubt nicht, wie viele Zigarettenstummel, Getränkedosen und Verpackungspapier täglich auf den Strassen und Plätzen liegen.» Das stimme ihn manchmal traurig.

Beat Zeier ist in seiner Freizeit ein passionierter Hobbyfotograf und als solcher seit Jahrzehnten gelegentlich auch für die az im Einsatz. Angefangen hat er damals per Zufall für das Badener Tagblatt. Weil er oft an Unfällen anzutreffen ist und dort Fotos für die az macht, wird er gelegentlich als unfallgeil bezeichnet: «Nein, das sehe ich nicht so», sagt er trocken. «Aber es stimmt, mich interessiert es, wie solche Unfälle passiert sind und wie die Polizei ermittelt. Früher dachte ich auch, mit Bildern von Unfällen könne man Leute dazu bringen, vernünftiger zu fahren. Aber mittlerweile glaube ich an diese präventive Wirkung weniger.»

Beat Zeier ist ausgebildeter Rettungshelfer und war lange nebenberuflich bei einem Ambulanzunternehmen tätig. Seine Fotodokumentationen, die er dazu erstellt hat, wurden auch schon für Ausbildungszwecke verwendet.

Mit seiner Canon hat er unzählige Schwertransporte fotografiert, die durch den Aargau gefahren sind. Da kann er nächtelang zusehen, die technischen Abläufe studieren und die Geschicklichkeit der Chauffeure bewundern. «Davon», sagt er, «kriege ich nie genug. Es gibt kaum einen grossen Schwertransport, den ich nicht begleite. Es ist einfach faszinierend.»

Beat Zeier, der Sammler

Beat Zeier ist auch ein Sammler. Rund 1500 alte Postkarten mit historischen Aufnahmen von Freiämter Gemeinden hat er mittlerweile in seinem Archiv, ein grosser Teil davon sind Ansichten von Bremgarten. Und allein vom Matterhorn, seinem erklärten Lieblingsberg, besitzt er 600 weitere Postkarten. «Es kommen sicher noch ein paar dazu, ich habe noch längst nicht alle Karten, die es vom Matterhorn gibt», sagt der Single.

Auch Modelle von Kutschen, Autos, Lastwagen, Traktoren, Baumaschinen, Helikoptern, Ambulanzen, Feuerwehr- und Polizeifahrzeugen aus verschiedenen Epochen faszinieren den 58-Jährigen. Wie seine Postkarten sieht er auch diese 5000 Exemplare starke Sammlung als ein Stück Zeitgeschichte. «Vielleicht», sagt er, «finde ich ein Lokal, in dem ich ein kleines Museum einrichten und meine Schätze zeigen kann. Das ist ein Traum von mir». Wer weiss – seinen Bubentraum vom Schneeräumer hat er ja schliesslich auch verwirklicht.

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