Schwarz-weisse Bilder, ein drehendes Riesenrad, die Schwermut ist trotz spielender Kinder spürbar. Dann eine Stimme. Eine Frau berichtet aus ihrer Kindheit, als sie ihre Mutter zum ersten Mal betrunken erlebte. Ein tragischer, mitreissender Bericht, bei dem die gezeichneten Szenen nicht ablenken, sondern die Gedanken im Kopf voll auf jene Bilder lenken, die die Stimme heraufbeschwört.

Auf Bilder aus einem gestörten Kinderleben, von einem Mädchen, das bei Wind und Wetter draussen spielen muss, wenn die Mutter keine Energie für es hat. Von einem Mädchen, das diese Freiheit, das Spielen draussen, nie geniessen kann, weil es sich stets um seine Mutter sorgt.

Diese Geschichte erzählt Remo Scherrer in seinem Animationsfilm – und darf ihn jetzt auch am Filmfestival in Cannes zwischen dem 11. und 22. Mai zeigen. «Es ist eine grosse Ehre, dass er als einer von 18 aus 2300 Filmen ausgewählt wurde.

Der Trailer zum Animationsfilm "Bei Wind und Wetter" von Remo Scherrer

Aber noch wichtiger ist mir, dass das Thema so an ein grosses Publikum gelangt. Denn die Geschichte ist kein Einzelschicksal, sondern passiert Kindern von Alkoholkranken jeden Tag», sagt der 29-Jährige aus Oberwil-Lieli.

«Angehörige leiden oft mehr»

Es ist der erste Abschlussfilm der Hochschule Luzern, der in Cannes gezeigt wird. Der ausgebildete Koch und Teilzeit-Zimmermanngehilfe Scherrer ist noch kein erfahrener Filmemacher, sondern hat soeben seinen Master of Arts in Film/Animationsfilm abgeschlossen.

Doch er ist leidenschaftlich, und ihm ist das Thema wichtig. «In meinem näheren Umfeld gibt es Menschen, die mit Alkoholismus kämpfen. Dabei habe ich gemerkt, dass deren Angehörige oft mehr unter der Krankheit leiden als die Betroffenen selbst.

Besonders Kinder sind dem ausgeliefert. Diesen Kindern will ich eine Stimme geben.» Bei seiner Recherche fragte er die Zürcher Therapeutin Wally Wagenrad, ob sie ihm Patienten vermitteln könnte, mit denen er Interviews führen könnte. «Sie fand meine Idee aber so gut, dass sie mir stattdessen ihre eigene Geschichte erzählte und über ihre alkoholkranke Mutter sprach.»

Das 72-minütige Interview mit der Therapeutin ging Scherrer unter die Haut. «Ich merkte, dass ihre Aussagen sehr deutlich das gesamte Thema abdecken, und fand, dass es zu viel wäre, noch andere Interviews hineinzuschneiden.»

Schweren Herzens kürzte er das Interview auf 5 Minuten. Der 11-minütige Film besteht ausserdem aus reduzierten Bildern und leiser Musik, «sodass der Zuschauer Zeit hat, sich zwischen den Sätzen alles durch den Kopf gehen zu lassen».

Unterstützung vom Bund

Die Idee kam so gut an, dass Scherrer von verschiedenen Stellen, darunter die Bundesämter für Gesundheit und Kultur sowie das Aargauer Kuratorium, Unterstützungsbeiträge erhielt.

Auch ist es eine Co-Produktion mit dem Schweizer Fernsehen und der Hochschule Luzern Design und Kunst geworden. So konnte Scherrer ein Team junger Künstler engagieren, die eigens für den Film Musik schrieben und spielten oder die Zwischenzeichnungen nach seinen Vorlagen ergänzten. Für den Film erhielt er die Note 5,9.

«Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Das Schönste ist aber, dass Wally Wagenrad den Film verwenden möchte, um ihn betroffenen Kindern und Jugendlichen zu zeigen, die in einem Projekt ihre eigenen Erlebnisse theatralisch ausdrücken sollen.»

Er hofft, dass der Film auch an anderen Festivals gespielt wird und so noch mehr Menschen auf das Thema aufmerksam werden. An einem neuen Projekt arbeitet er noch nicht, «aber ich habe schon einige Ideen», verrät Remo Scherrer.