«Jööö!», tönte es noch vor wenigen Jahren immer wieder im Gang vor dem Kinderzimmer auf der Gebärabteilung. Denn es ist noch nicht lange her, da konnte man, wenn man ein Baby und seine Mutter im Spital besuchte, durch eine Glasscheibe in den Raum schauen, wo ein Neugeborenes neben dem anderen lag und von Schwestern betreut wurde.

Heute sucht man dieses Fenster vergebens, im Gang ist es still. Und das aus gutem Grund: «Heute sind wir überzeugt, dass das Kind so viel Zeit wie möglich bei der Mutter verbringen soll, denn die ersten Stunden und Tage sind sehr wichtig für die Bindung», erklärt Petra Biermann, leitende Hebamme und somit Stationsleiterin des Gebärsaals Muri.

«Das Kinderzimmer gibt es noch, aber dort werden die Babys nur dann betreut, wenn die Mütter einmal dringend Ruhe brauchen oder beispielsweise einen Kaffee nur mit ihrem Mann trinken gehen möchten.» Und das fehlende Fenster ist nur eine der vielen Neuerungen.

«Es kommt immer anders»

«Heute nimmt man viel mehr Rücksicht auf die Wünsche der Frauen. Noch vor einigen Jahren haben sie sich meist gar nicht getraut, etwas zu sagen, sondern einfach still ausgehalten», erinnert sich Biermann. «Heute sehe ich eher das Problem, dass die Frauen alles genau durchgeplant haben und dann erschrecken, wenn alles anders kommt.

Denn es kommt immer anders, als man das erwartet», weiss die Hebamme, die seit 1987 einzig für eine Babypause ihre Arbeit einige Monate unterbrochen hat, aus Erfahrung. Selbst bei ihr ging bei der Geburt überhaupt nichts so, wie sie es sich vorgestellt hatte. «Ich dachte, ich könnte in etwa abschätzen, wie ich reagieren würde. Aber es kam alles total anders. Daher bin ich immer sehr froh, wenn Frauen zu uns kommen, die nicht alles schon durchgeplant haben, sondern einfach gespannt sind, was kommt.»

Erste Minuten geniessen

Ein weiteres Phänomen sieht sie darin, dass sich die Eltern nach der Geburt gar keine Zeit lassen: «Manche machen sofort Fotos, schicken sie allen und telefonieren. Dabei sind diese ersten Minuten des ungestörten Zusammenseins das Allerwichtigste und Schönste für die kleine Familie. Fotos kann man auch nachher noch machen.» Und auch besuchen sollten sie dann nur die allerengsten Freunde und Familienmitglieder.

Die Abteilungsleiterin hat viel Verständnis für die Frauen. So konnte sie letztes Jahr auch mithelfen, die neuen Gebärsäle, von denen zwei mit Badewanne, einer ohne ausgestattet sind, einzurichten. «Wir wollten, dass die Räume mit dem warmen Licht und den Farben eine Art Höhle für die gebärenden Frauen sein können.» Das Regulieren des Lichts sei auch oft eine gute Ablenkung für die nervösen Väter, fügt sie lachend hinzu. Denn natürlich dürfe man bei aller Aufregung auch sie nicht vergessen. «Aber allererste Priorität haben immer die Frauen», macht Biermann deutlich.

Über 600 Geburten pro Jahr

Am Tag, an dem die AZ die Station besucht, passiert rein gar nichts. Zumindest gibt es keine einzige Geburt. Die beiden Hebammen, die Schicht haben, gehen in der Zeit allen anderen Arbeiten nach, die getan werden müssen, füllen beispielsweise die Schränke der Gebärsäle wieder auf, putzen, erledigen die Papierarbeiten und helfen auf der Station aus, wo die Mütter mit ihren Neugeborenen sich von den Strapazen erholen.

Nachmittags kommen zwei Schwangere zur Untersuchung. «Bei uns ist es wie beim Rettungsdienst: Manchmal gibt es fünf Geburten an einem Tag, dann wieder keine einzige», erklärt Biermann. Insgesamt seien es pro Jahr rund 600 Geburten im Spital Muri.

Biermann lässt sich per Ende August als Abteilungsleiterin ablösen und geht zurück ins Hebammenteam. «Ich möchte weniger Zeit mit Administrativem verbringen, dafür mehr Zeit für die Frauen haben. Der administrative Aufwand ist unglaublich gewachsen in den letzten Jahren.»

Im Zimmer der frischgebackenen Mama Arabelle Küng und deren Töchterchen Mordag Torra merkt man, wie gern sie die Mütter betreut. Küng wohnt nicht mehr im Freiamt, wollte aber unbedingt hier entbinden: «Es ist meine Heimat, ausserdem hat die kleine Gebärabteilung in Muri einen sehr guten Ruf», sagt sie.

Dienstags sind Hebammen-Sprechstunden. «Das nutzen viele Frauen, um die Hebammen vor der Geburt kennen zu lernen und sich zu informieren.» Ausserdem wird ab der 36. Schwangerschaftswoche Akupunktur angeboten, «das hilft zur Entspannung».

Die Geburtenabteilung ist der einzige Ort im Spital Muri, wo Akupunktur, Aromatherapie und Homöopathie eingesetzt werden. «Wir wissen, warum früher Hebammen als Hexen verbrannt wurden», sagt Biermann mit einem Lächeln. «Natürlich kennen wir die Grenzen der alternativen Medizin. Aber bei einer normalen Geburt wirken diese alten Methoden sehr gut. Das wissen auch unsere Ärzte und unterstützen uns darin. Fast alle unsere Hebammen haben Weiterbildungen in diesen Methoden gemacht, und sehr viele Frauen nutzen das.»